
Von der Schmach zum Helden: Kirby Dachs Versöhnung mit Montreal – und die defensive Schieflage in Edmonton
In einer einzigen Nacht hat sich für Kirby Dach das emotionale Register einer ganzen Stadt gedreht. Am Dienstag noch der Prügelknabe Montreals, der mit einem folgenreichen Weitschussfehler in der Overtime die Niederlage gegen Tampa Bay eingeleitet hatte, schrieb der Stürmer am Freitag im dritten Spiel der Serie ein Drehbuch der Wiedergutmachung. Vor tobendem Centre Bell glich er im Mitteldrittel aus, legte einen Treffer auf – und als Lane Hutson nach gut zwei Minuten der Verlängerung mit einem wuchtigen Schlagschuss das 3:2 besiegelte, brandete jener Jubel auf, der Versöhnungen möglich macht. So nahm Montreal in der ersten Playoff-Runde eine 2:1-Führung, und Dach, wieder auf seiner angestammten Position im Zentrum zwischen Alexandre Texier und Zachary Bolduc eingesetzt, zog daraus eine Lehre, die über das Eishockey hinausreicht: dass eine Basis, die zu sozialen Netzwerken greifen will, um ein Trikot mit Federn und Teer zu beschmieren, binnen 72 Stunden auch bereit sein kann, einen Gefallenen zu umarmen.
Die Wende trägt die Handschrift von Martin St. Louis, der nicht nur öffentlich für seinen Spieler eingetreten war, sondern das Personal klug neu ordnete – eine Korrektur, die in der hitzigen Atmosphäre der frankophonen Metropole riskant war und in der Retrospektive eine bemerkenswerte Menschenkenntnis offenbart. Während St. Louis nach eigener Aussage bei alten «Seinfeld»-Wiederholungen abschaltet, um in der intensivsten Phase des Eishockeyjahres überhaupt Schlaf zu finden, zeigt sich sein wacher Geist auf dem Eis. Aus der Perspektive Tampas betrachtet, offenbarte der Abend hingegen das Wagnis von Jon Cooper, der seinerseits über grosse Teile der Partie die Konfrontation Anthony Cirelli gegen Nick Suzukis Sturmreihe erzwang und damit Montreals Spitzenformation bei fünf gegen fünf bislang weitgehend erstickte. Doch selbst Coopers mitunter als anmassend empfundene Rochaden – in Montreal kam rasch die Rede von «effronteries» auf – konnten nicht verdecken, dass die eigenen Hochkaräter Brayden Point und Nikita Kucherow noch hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Aus Schweizer Sicht potenziert sich der Frust, denn Janis Moser, der im zweiten Spiel noch den Siegtreffer erzielt hatte, fand mit Tampa Bay auch in der dritten Overtime dieser Serie kein glückliches Ende und reist nun im vierten Duell erneut als Aussenseiter ins Bell Centre.
Derweil rückt eine andere Baustelle zunehmend in den Fokus: In Anaheim verspielen die Edmonton Oilers selbst das Erwachen ihrer Superstars. Connor McDavid gelang im dritten Duell sein erster Playoff-Treffer samt erstem Mehr-Punkte-Spiel, das Powerplay traf erstmals in der Postseason – und doch verlor Edmonton mit 4:7, weil die Defensivarbeit in einer Art und Weise löchrig blieb, die Trainer Kris Knoblauch zu deutlichen Worten zwang: Einfachheit, Härte und defensive Aufmerksamkeit seien nicht annähernd gut genug. 16 Gegentore in drei Spielen gegen einen schnellen, jungen Ducks-Kader haben aus dem zweifachen Stanley-Cup-Finalisten einen verunsicherten Herausforderer gemacht, der vor dem vierten Spiel in Südkalifornien um das Gesicht der Serie fürchten muss. Dass die Utah Mammoth ihrerseits mit einem 4:2 gegen die Vegas Golden Knights die Führung übernahmen, rundet das Bild einer ersten Runde ab, in der überraschende Wendungen und defensive Fragilität die grossen Erzählstränge bilden.
Der Vorausblick nährt den Verdacht, dass jene Mannschaften scheitern werden, die ihre emotionale Balance nicht finden. Montreal hat mit der Wiedergutmachung des Dach-Moments eine kollektive Katharsis erlebt, weiss aber, dass St. Louis’ Ruhe bewahrender Ansatz und das Momentum eines einzigen Heimsiegs rasch verpuffen können, sollte Tampa Bay seine stille Starpower rechtzeitig aktivieren. Edmonton wiederum steht in Anaheim unter akutem Handlungsdruck: Gelingt es nicht, die defensive Ordnung wiederherzustellen, droht ein frühes Ende, das selbst McDavid und Draisaitl nicht abwenden könnten. So spiegeln sich in den Schicksalen dreier Traditionsstandorte die Konstanten des Playoff-Eishockeys: Ein schmaler Grat trennt den Buhmann vom Helden, und die vermeintlich schwerste Waffe wird stumpf, wenn das Fundament bröckelt.
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