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Ausgabe von 06:00 CETMontag, 10. August 2026
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Sonntag, 26. April 2026

Wenn das Ich zu verschwinden droht: Elektroschock-Therapien, Mutterglück und die Suche nach dem Selbst

Es ist eine Nachricht, die das Vertrauen in die psychiatrische Versorgung erschüttert: In Großbritannien berichten Patienten nach Elektrokrampftherapien von massiven Gedächtnislücken. Lisa Morrison, 52, vergaß ihre eigene Hochzeit. Eine neue Studie belegt, dass etwa ein Drittel der Behandelten bleibende Hirnschäden davonträgt. Die Debatte über den Einsatz von ECT, dem hierzulande jährlich rund 2.500 Menschen unterzogen werden, gewinnt damit an Schärfe – und wirft grundsätzliche Fragen nach dem Preis auf, den schwer depressive Patienten für eine Linderung ihres Leids zu zahlen bereit sein müssen.

Der Verlust von Erinnerung ist nur eine Facette einer viel tiefer liegenden Krise des Selbst, die sich rund um den Globus in persönlichen Schicksalen spiegelt. Aus Australien erreicht uns die Geschichte einer Mutter, die nach einer perinatalen Depression zunächst keine Bindung zu ihrem Neugeborenen aufbauen konnte. Wochen vergingen, in denen Medikamente wirkungslos blieben und die Erkrankte als therapieresistent galt, bis das erste Lächeln des Kindes eine emotionale Wende einleitete. Der Fall zeigt, dass Liebe kein Reflex ist, sondern ein fragiles Gewächs, das unter dem Schatten unbehandelter psychischer Erkrankungen verdorren kann – mit generationsübergreifenden Folgen.

Wie früh sich Selbstwahrnehmung und Vorbildwirkung verketten, illustrieren Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten. Eine junge Mutter erwischte sich in einer Umkleidekabine dabei, wie sie beim Anprobieren eines Badeanzugs vor ihrer 18 Monate alten Tochter ihren Körper mit angewidertem Stöhnen kritisierte. Der Blick des Kindes wurde ihr zum Spiegel: Die eigenen negativen Körperbilder eins zu eins an die nächste Generation weiterzugeben, erschien ihr plötzlich als stilles Gift. Der bewusste Entschluss, stattdessen Selbstakzeptanz vorzuleben, ist eine individuelle Präventionsmaßnahme gegen jene subtilen seelischen Verletzungen, die später in manifeste Erkrankungen münden können.

In Russland wird diese Suche nach dem Ich auf eine poetische, zugleich universelle Metapher gehoben. Eine 13-Jährige stellt vor dem Spiegel fest, dass ihre Arme vom Ellenbogen an verschwunden sind. Leere, wo Haut und Knochen sein sollten. Die Erzählung spricht von Teenagern, die zeitweise Teile ihrer selbst verlieren, und von Erwachsenen, bei denen solche Verluste endgültig werden können. Es ist die literarische Verarbeitung der Identitätsdiffusion in der Adoleszenz, jener Phase, in der sich entscheidet, ob ein Mensch in ein stabiles Selbstverhältnis hineinwächst oder die Leerstellen bleiben.

Aus Mexiko schließlich dringt eine heftigere Tonlage herüber. Die Erinnerung an eine Szene aus der Schulzeit, in der Mobbing als harmloses Spiel getarnt wurde, verknüpft sich mit der Einsicht, dass fehlgeleitete affektive Bindungen Gewalt mit einer brutalen Selbstverständlichkeit einbrechen lassen können. Wo der andere zum Eigentum wird und niemand rechtzeitig eingreift, zerbricht nicht nur das Vertrauen in Mitmenschen, sondern auch die Fähigkeit, Konflikte ohne Destruktion zu bewältigen. Die Reproduktion solcher Muster durch gesellschaftliches Wegsehen belastet das psychosoziale Gefüge ganzer Gemeinschaften.

So unterschiedlich die kulturellen Kontexte sind, verbindet diese Zeugnisse ein gemeinsamer Kern: Psychische Krisen sind Beziehungskrisen – zum eigenen Körper, zur eigenen Geschichte, zu den Nächsten. Die britische ECT-Debatte mahnt, dass invasive Eingriffe in das Gehirn niemals ohne eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und irreversiblen Schäden erfolgen dürfen. Für den deutschsprachigen Raum, in dem die Elektrokrampftherapie ebenfalls unter strengen Auflagen praktiziert wird, unterstreichen die Geschichten aus Übersee die Notwendigkeit, psychische Gesundheitsversorgung nicht allein auf biologische Interventionen zu verengen, sondern die Bindungsfähigkeit als therapeutischen Schlüssel zu begreifen. Die Zukunft der Psychiatrie wird sich daran messen lassen müssen, ob sie das Ich nicht nur repariert, sondern ihm hilft, sich im Spiegel wieder ganz zu begegnen.

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Sonntag, 26. April 2026

Wenn das Ich zu verschwinden droht: Elektroschock-Therapien, Mutterglück und die Suche nach dem Selbst

Es ist eine Nachricht, die das Vertrauen in die psychiatrische Versorgung erschüttert: In Großbritannien berichten Patienten nach Elektrokrampftherapien von massiven Gedächtnislücken. Lisa Morrison, 52, vergaß ihre eigene Hochzeit. Eine neue Studie belegt, dass etwa ein Drittel der Behandelten bleibende Hirnschäden davonträgt. Die Debatte über den Einsatz von ECT, dem hierzulande jährlich rund 2.500 Menschen unterzogen werden, gewinnt damit an Schärfe – und wirft grundsätzliche Fragen nach dem Preis auf, den schwer depressive Patienten für eine Linderung ihres Leids zu zahlen bereit sein müssen.

Der Verlust von Erinnerung ist nur eine Facette einer viel tiefer liegenden Krise des Selbst, die sich rund um den Globus in persönlichen Schicksalen spiegelt. Aus Australien erreicht uns die Geschichte einer Mutter, die nach einer perinatalen Depression zunächst keine Bindung zu ihrem Neugeborenen aufbauen konnte. Wochen vergingen, in denen Medikamente wirkungslos blieben und die Erkrankte als therapieresistent galt, bis das erste Lächeln des Kindes eine emotionale Wende einleitete. Der Fall zeigt, dass Liebe kein Reflex ist, sondern ein fragiles Gewächs, das unter dem Schatten unbehandelter psychischer Erkrankungen verdorren kann – mit generationsübergreifenden Folgen.

Wie früh sich Selbstwahrnehmung und Vorbildwirkung verketten, illustrieren Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten. Eine junge Mutter erwischte sich in einer Umkleidekabine dabei, wie sie beim Anprobieren eines Badeanzugs vor ihrer 18 Monate alten Tochter ihren Körper mit angewidertem Stöhnen kritisierte. Der Blick des Kindes wurde ihr zum Spiegel: Die eigenen negativen Körperbilder eins zu eins an die nächste Generation weiterzugeben, erschien ihr plötzlich als stilles Gift. Der bewusste Entschluss, stattdessen Selbstakzeptanz vorzuleben, ist eine individuelle Präventionsmaßnahme gegen jene subtilen seelischen Verletzungen, die später in manifeste Erkrankungen münden können.

In Russland wird diese Suche nach dem Ich auf eine poetische, zugleich universelle Metapher gehoben. Eine 13-Jährige stellt vor dem Spiegel fest, dass ihre Arme vom Ellenbogen an verschwunden sind. Leere, wo Haut und Knochen sein sollten. Die Erzählung spricht von Teenagern, die zeitweise Teile ihrer selbst verlieren, und von Erwachsenen, bei denen solche Verluste endgültig werden können. Es ist die literarische Verarbeitung der Identitätsdiffusion in der Adoleszenz, jener Phase, in der sich entscheidet, ob ein Mensch in ein stabiles Selbstverhältnis hineinwächst oder die Leerstellen bleiben.

Aus Mexiko schließlich dringt eine heftigere Tonlage herüber. Die Erinnerung an eine Szene aus der Schulzeit, in der Mobbing als harmloses Spiel getarnt wurde, verknüpft sich mit der Einsicht, dass fehlgeleitete affektive Bindungen Gewalt mit einer brutalen Selbstverständlichkeit einbrechen lassen können. Wo der andere zum Eigentum wird und niemand rechtzeitig eingreift, zerbricht nicht nur das Vertrauen in Mitmenschen, sondern auch die Fähigkeit, Konflikte ohne Destruktion zu bewältigen. Die Reproduktion solcher Muster durch gesellschaftliches Wegsehen belastet das psychosoziale Gefüge ganzer Gemeinschaften.

So unterschiedlich die kulturellen Kontexte sind, verbindet diese Zeugnisse ein gemeinsamer Kern: Psychische Krisen sind Beziehungskrisen – zum eigenen Körper, zur eigenen Geschichte, zu den Nächsten. Die britische ECT-Debatte mahnt, dass invasive Eingriffe in das Gehirn niemals ohne eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und irreversiblen Schäden erfolgen dürfen. Für den deutschsprachigen Raum, in dem die Elektrokrampftherapie ebenfalls unter strengen Auflagen praktiziert wird, unterstreichen die Geschichten aus Übersee die Notwendigkeit, psychische Gesundheitsversorgung nicht allein auf biologische Interventionen zu verengen, sondern die Bindungsfähigkeit als therapeutischen Schlüssel zu begreifen. Die Zukunft der Psychiatrie wird sich daran messen lassen müssen, ob sie das Ich nicht nur repariert, sondern ihm hilft, sich im Spiegel wieder ganz zu begegnen.

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