
5300 Kilometer gegen den Wind: Eine Radreise und die vielen Gesichter des Unterwegsseins
Ein 82-jähriger Australier und sein Enkel durchqueren den Kontinent – während anderswo Menschen das Zuhause in Hochhäusern, Wohnmobilen oder wechselnden Mietwohnungen neu definieren.
Als Bob Montgomery und sein Enkel Tom Malcolm am Sonntag in Bowral, New South Wales, die Ziellinie überquerten, wurden sie von jubelnden Angehörigen und Nachbarn empfangen. Sechs Wochen zuvor waren sie in Broome gestartet, hatten täglich bis zu 160 Kilometer zurückgelegt, oft zwölf Stunden im Sattel, und waren dabei mit heftigen Gegenwinden und mechanischen Pannen konfrontiert. „Der Wind blies uns praktisch die ganze Zeit ins Gesicht“, sagte Montgomery später. Doch die Strapazen, so der 82-Jährige, seien nichts im Vergleich zu dem, was Menschen mit der Motoneuron-Erkrankung (MND) erleiden, für die sie Spenden sammelten. Die Reise war auch eine persönliche: Ein Cousin Montgomerys war an MND gestorben.
Die Radtour der beiden Australier ist eine extreme Form dessen, was sich in vielen Biografien als Suche nach einem anderen Leben abzeichnet. Eine Frau, die mit ihrem Mann von Ottawa nach Japan zog, lebt dort seit sieben Monaten in wechselnden Kurzzeitvermietungen – in Tokio, Osaka und nun in Kumamoto. Sie zahlt nach eigenen Angaben weniger Miete als in Kanada und genießt die Flexibilität, eine Stadt zu verlassen, sobald sie weiterziehen möchte. „Ich war mir nicht sicher, ob ich mich jemals zu Hause fühlen würde“, schreibt sie in einem Beitrag für Business Insider, doch das Einleben sei überraschend schnell gelungen.
Während die einen das Nomadische suchen, verhandeln andere das Zuhause im festen Gehäuse. Ein Paar aus Minneapolis, er ein Liebhaber von Skyline-Panoramen, sie aufgewachsen in den Wäldern Minnesotas, mietete für ein Jahr eine Eigentumswohnung im 19. Stock der Innenstadt. Der Kompromiss brachte unerwartete Entdeckungen: Drei Lebensmittelläden sind zu Fuß erreichbar, der Bauernmarkt liegt fünf Minuten entfernt, und das soziale Leben im Haus – von Buchklubs bis zu einem „Abschlussball für Erwachsene“ – erwies sich als weitaus verbindender als die Nachbarschaft in der Vorstadt. Nach wenigen Monaten stand für beide fest, dass sie dauerhaft bleiben wollen.
Für eine 90-jährige Amerikanerin namens Margie hingegen ist das Unterwegssein selbst zur Konstante geworden. Nach dem Tod ihres Mannes kaufte sie mit 82 Jahren ein Wohnmobil, das sie „Whimsey“ taufte – weil sie es einer Laune heraus erworben hatte. Über 40.000 Meilen legte sie damit zurück, bevor sie das Steuer an ihre Tochter und deren Mann übergab. Im vergangenen Sommer reiste die Familie drei Monate lang im Wohnmobil von Florida nach Wisconsin. Margie bestand darauf, sich tägliche Aufgaben zuzuweisen: Sie richtete die Kaffeemaschine ein, stellte die Weingläser bereit und sammelte am Morgen Stöcke für das Lagerfeuer. Ihre Tochter berichtet in Business Insider, die Mutter sei bereits für die nächste Tour gepackt – mit Harfe, Häkelzeug und Zeitschriften.
Die Sehnsucht nach einem festen Ort bleibt dennoch mächtig. Einer Umfrage des Moskauer Immobilienentwicklers PIONEER zufolge träumen 88 Prozent der befragten russischen Großstädter von einer Wohnung am Wasser; 26 Prozent wären bereit, dafür einen Aufpreis zu zahlen. Und eine 30-jährige Amerikanerin, die in zehn Städten und sieben Bundesstaaten gelebt hat, beschreibt die Kehrseite der weiten Wurzeln: „Ich bin niemandes älteste Freundin. Jede Freundschaft begann mitten in meiner Geschichte.“ Vielleicht ist es genau diese Spannung zwischen Aufbruch und Ankunft, die das zeitgenössische Lebensgefühl prägt – irgendwo zwischen dem Gegenwind auf dem Rad, dem Blick aus dem 19. Stock und dem nächsten Campingplatz, an dem eine 90-Jährige ihre Harfe stimmt.
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