
Zitterpartie bis zum 4. Mai: Bengalen vor historischem Machtwechsel, Modi wittert die Chance
Es ist der Abend der Entscheidungsprognosen, und noch selten war das Bild so gespalten: Nach dem Abschluss der zweiten und letzten Phase der Parlamentswahl in Westbengalen zeichnen die Nachwahlbefragungen ein beispiellos enges Rennen zwischen der regierenden Trinamool Congress (TMC) und der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP). Drei große Umfrageinstitute sehen die BJP mit 146 bis 175 Mandaten knapp über der Mehrheitsmarke von 148 Sitzen, zwei weitere prognostizieren eine Rückkehr Mamata Banerjees für eine vierte Amtszeit. In Neu-Delhi interpretiert man diese gespaltene Datenlage bereits als Vorbote eines „Poriborton“ – des politischen Wandels, auf den die Partei von Premierminister Narendra Modi seit Jahren hinarbeitet. In Kolkata hingegen gibt man sich demonstrativ siegessicher, während man in europäischen Hauptstädten wie Berlin die Entwicklung mit Interesse verfolgt, denn ein Regierungswechsel in dem strategisch wichtigen ostindischen Bundesstaat hätte Auswirkungen auf die regionale Stabilität und die Wirtschaftskooperation.
Die 142 Wahlkreise der zweiten Phase, die über Süd- und Zentralbengalen verteilt sind, gelten als das Herzland und die traditionelle Burg der TMC. Dass hier die Wahlbeteiligung nach offiziellen Angaben auf rund 91,7 Prozent kletterte und über beide Phasen hinweg mit 92,5 Prozent den höchsten Stand seit der Unabhängigkeit erreichte, verstärkt die Unsicherheit. Eine solch hohe Mobilisierung galt in der Vergangenheit oft als Zeichen von Anti-Regierungs-Stimmung, doch in Bengalen hat sich die TMC stets als Kraft der einfachen Leute inszeniert. Die aufgeheizte Atmosphäre vor Ort spiegelt die Brisanz wider: In Bhabanipur, dem Wahlkreis Banerjees, traf die Chief Ministerin erstmals frontal auf ihren Herausforderer Suvendu Adhikari von der BJP, der ihr den Sieg mit einer Prognose von über 20.000 Stimmen Vorsprung absprach. Während sie umgehend von „Wahlmanipulation durch die Zentralregierung“ sprach, konterte Adhikari, sie schüchtere hinduistische Wähler ein.
Die Spannungen verdichten sich exemplarisch im Wahlkreis Falta, wo laut BJP-Videos an elektronischen Wahlmaschinen die Taste für die Partei mit Klebeband blockiert worden sein soll. Die Wahlkommission ordnete Nachwahlen in den betroffenen Kabinen an und versetzte vorab einen örtlichen Blockbeamten. Auslöser war eine Konfrontation des TMC-Kandidaten mit dem umstrittenen Polizeibeobachter Ajay Pal Sharma, der aus Sicht oppositioneller Kreise in Uttar Pradesh für sein forsches Auftreten bekannt ist. In Delhi wiederum wird betont, die Kommission habe durch den erstmaligen Einsatz der Nationalen Ermittlungsagentur und über 350.000 Sicherheitskräfte einen „furchtlosen Urnengang“ in Bengalen ermöglicht, wie Premierminister Modi am Rande der Einweihung des 594 Kilometer langen Ganga Expressway in Hardoi erklärte. Diese geschickte Verknüpfung der Wahlbeobachtung mit einem infrastrukturellen Prestigeprojekt für Uttar Pradesh zeigt, wie die BJP Entwicklungspolitik und Wahlkampf in einen narrativen Bogen spannt.
Der Blick in die anderen Regionen des Subkontinents unterstreicht die dominante Stellung der BJP im Nordosten, wo Assam Umfragen zufolge mit einer komfortablen Mehrheit für eine dritte Amtszeit von Himanta Biswa Sarma votierte. In Kerala zeichnet sich eine Ablösung der linken Front durch das Kongress-geführte Bündnis ab – ein Befreiungsschlag für die Grand Old Party. In Tamil Nadu behauptet sich die DMK-Stalin-Allianz in den meisten Prognosen, doch ein einzelnes Umfrageinstitut sieht den Schauspieler-Ministerpräsidenten Vijay mit seiner TVK sensationell an der Schwelle zur Macht – eine Unwägbarkeit, die an den Durchbruch von M.G. Ramachandran erinnert und das südindische Zweiparteiensystem aufbrechen könnte.
Am 4. Mai, wenn die Stimmen ausgezählt werden, entscheidet sich, ob Modi der finale Sturm auf den letzten verbliebenen Damm der Opposition im Osten tatsächlich gelingt. Ein Sieg der BJP in Bengalen würde nicht nur das Machtgefüge des Föderalismus verschieben, sondern auch die Person Banerjee als Galionsfigur des Widerstands gegen die Hindu-Nationalisten dauerhaft beschädigen. Umgekehrt könnte eine hauchdünne TMC-Mehrheit oder ein Patt die Regierung in Delhi zu taktischem Fingerspitzengefühl zwingen. Für europäische Beobachter bleibt die Erkenntnis, dass die Gesamtwahl trotz aller Kontroversen einen lebendigen demokratischen Prozess abbildet – einen Prozess, dessen Auswirkungen auf die indische Wirtschaft und Außenpolitik weit über die Grenzen Bengalens hinausstrahlen werden.
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