
Die Kriegskosten im Nahen Osten: Gazas Wiederaufbau und Israels Ausgaben über 80 Milliarden
Die jüngsten Schätzungen internationaler Organisationen und israelischer Wirtschaftsmedien zeichnen ein düsteres Bild der ökonomischen Folgen des Nahostkonflikts. Im Zentrum steht die verheerende Bilanz für den Gazastreifen: Eine gemeinsame Erhebung der Europäischen Union, der Vereinten Nationen und der Weltbank beziffert die direkten Schäden an der physischen Infrastruktur auf 35,2 Milliarden Dollar, während die Kosten für Wiederaufbau und Erholung auf 71,4 Milliarden Dollar veranschlagt werden. Allein die wirtschaftlichen Verluste infolge des mehr als zweijährigen Krieges belaufen sich auf weitere 22,7 Milliarden Dollar, sodass die Gesamtbelastung für das palästinensische Gebiet auf annähernd 58 Milliarden Dollar anwächst – eine Summe, die das Bruttoinlandsprodukt des gesamten Westjordanlands um ein Vielfaches übersteigt.
Auf israelischer Seite haben die beiden jüngsten Kampagnen gegen den Iran ebenfalls tiefe Spuren hinterlassen. Nach Berichten israelischer Wirtschaftsmedien beliefen sich die Kosten für die 39-tägige Auseinandersetzung auf rund 16,7 Milliarden Dollar, wobei die täglichen Schäden mit 100 Millionen Dollar beziffert werden. Die Zerstörung von Wohngebäuden und Wirtschaftsstrukturen, vor allem in der Mitte und im Süden des Landes, erfordert zusätzlich mindestens 3,3 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau. Anders als beim kürzeren, zwölftägigen Konflikt im Vorjahr, bei dem 33 Menschen starben, kamen dieses Mal 24 Menschen ums Leben – eine vergleichsweise niedrige Zahl, die jedoch die militärische und zivile Verwundbarkeit nicht kaschiert.
Aus Washingtoner Sicht dürften diese Zahlen die Debatte über die Höhe der Militärhilfe für Israel und die Notwendigkeit einer humanitären Unterstützung für Gaza neu entfachen. Die amerikanische Administration steht unter Druck, sowohl die Sicherheit ihres Verbündeten zu gewährleisten als auch eine dauerhafte Katastrophe in Gaza zu verhindern, die weite Teile der arabischen Welt destabilisieren könnte. Beobachter in Peking wiederum sehen in den exorbitanten Rekonstruktionskosten eine Chance, den eigenen Einfluss in der Region auszubauen, indem China sich als verlässlicher Partner für den Wiederaufbau anbietet – ein Terrain, das traditionell von westlichen Gebern dominiert wird.
Für Berlin, Wien und Bern stellen sich derweil grundsätzliche Fragen. Deutschland zählt zu den größten Geldgebern humanitärer Hilfe für Palästina, und die Schweiz hat eine lange Tradition als Vermittlerin im Nahen Osten. Die neue Dimension der Zerstörung zwingt die europäischen Regierungen dazu, ihre Beiträge nicht nur an den akuten Nothilfebedarf zu koppeln, sondern auch an konkrete politische Fortschritte. Ohne eine tragfähige Waffenruhe und eine perspektivische Lösung des Statuskonflikts droht jedoch ein Kreislauf der Zerstörung, der jede Investition in den Wiederaufbau letztlich obsolet macht. Die aufgeblähten Kosten – über 80 Milliarden Dollar allein für die unmittelbaren Kriegsfolgen auf beiden Seiten – machen deutlich, dass die ökonomische Logik des Konflikts ebenso dringend nach einer neuen Ordnung verlangt wie die politische.
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