
Erziehungsnotstand in Italien: Vier von zehn Kindern erhalten Smartphone vor dem zehnten Lebensjahr
Italienische Eltern sehen sich wirtschaftlich und zeitlich überfordert. Internationale Studien zeigen geringen Lernerfolg durch frühe Digitalisierung – und Warnungen vor KI.
Die Elternschaft ist in Italien zu einem Balanceakt geworden, der immer mehr an den Kräften zehrt. Laut einer aktuellen Erhebung des Censis, die am Dienstag in Rom vorgestellt wurde, empfinden 79,2 Prozent der befragten Mütter und Väter die Erziehung heute als schwieriger als in der Vergangenheit. Die Hauptlast liegt dabei auf den finanziellen Kosten: 35,7 Prozent der Eltern nennen sie als größte Hürde – ein deutlicher Anstieg gegenüber 22,5 Prozent im Jahr 2002. Zugleich klagen 18,4 Prozent über berufliche Verpflichtungen, die zu wenig Zeit für die Familie lassen, während 18,9 Prozent die überzogenen Wünsche ihrer Kinder als Belastung empfinden. Ein besonders alarmierender Befund der Studie: 46,4 Prozent der Befragten geben ihrem Nachwuchs bereits vor dem zehnten Lebensjahr ein eigenes Smartphone – ein Schritt, der oft als simpler Beschäftigungs- oder Beruhigungsmechanismus dient, jedoch weitreichende Folgen haben dürfte.
Die internationale Forschung mahnt hier zur Vorsicht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat in einer Studie über neun Länder, darunter Brasilien, nachgewiesen, dass Fünfjährige, die täglich Smartphones oder Tablets nutzen, kognitiv weniger lernen. In Brasilien etwa lesen 53 Prozent der Familien nie oder selten vor – ein Wert, der weit unter dem internationalen Durchschnitt liegt. In den USA wiederum haben Forscher der Universitäten Stanford, Pennsylvania, Duke und Michigan die Wirkung von Handyverboten an Schulen untersucht. Ihr Fazit: Die Maßnahmen verringern zwar Ablenkungen im Klassenzimmer, verbessern aber die Noten „nahezu null“. Die Disziplin im Umgang mit digitalen Geräten, so die Autoren, müsse anderswo vermittelt werden – zu Hause.
Aus römischer Perspektive stellt sich die Frage, wie diese mediale Parasozialisation in eine ohnehin prekäre wirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Lage eingebettet ist. Der Internationale Währungsfonds (IMF) schätzt, dass 40 Prozent der globalen Beschäftigung von der künstlichen Intelligenz betroffen sein werden – und das trifft auch Italien, Österreich und die Schweiz mit ihren hochentwickelten Dienstleistungssektoren. Viele Jobs werden verschwinden, andere entstehen; doch für die heutigen Eltern stellt sich die Herausforderung, ihre Kinder auf eine Arbeitswelt vorzubereiten, deren Konturen kaum erkennbar sind. Hinzu kommt die psychosoziale Dimension: Die sogenannte „digitale Beruhigungspille“ mag im Moment entlasten, doch sie schwächt jene Fähigkeiten, die später im Umgang mit disruptiven Technologien entscheidend sein könnten.
Die deutsche, österreichische und schweizerische Diskussion um die Digitalisierung in Kitas und Schulen erhält durch diese Befunde neues Gewicht. Während etwa in Deutschland die Wirtschaftlichkeit der Kinderbetreuung und der Fachkräftemangel im Vordergrund stehen, zeigt der italienische Befund, wie sehr die materielle Not die Erziehungspraxis prägt. In der Schweiz wiederum, wo die Kosten für die Kinderbetreuung zu den höchsten im OECD-Raum zählen, dürfte der finanzielle Druck ebenfalls wachsen. Entscheidend wird sein, ob es den Bildungssystemen gelingt, eine reflektierte Nutzung digitaler Geräte zu fördern, statt sie zu verbieten oder kampagnenartig zu verteufeln. Die nächste Generation von Eltern – und Arbeitnehmern – braucht weit mehr als nur ein Verbot der Störung: Sie braucht eine kulturelle und ökonomische Neuausrichtung der Erziehung in der digitalen Ära.
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