
Genfer Pandemiepoker und Afrikas Griff nach gesundheitspolitischer Souveränität
In Genf steht die Weltgesundheitsorganisation vor einer Entscheidungswoche, deren Ausgang über die Wirksamkeit des im vergangenen Jahr verabschiedeten Pandemievertrags bestimmt. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus rief die Mitgliedstaaten eindringlich dazu auf, die Verhandlungen über ein verbindliches System zum Austausch von Krankheitserregern und Gesundheitsprodukten noch in diesen Tagen abzuschließen. Ohne eine Einigung über das sogenannte PABS-System, so Tedros, drohe der Vertrag ein zahnloses Instrument zu bleiben – und die Welt riskiere, auf die nächste Pandemie ebenso unvorbereitet zu treffen wie auf Covid-19.
Aus Genfer Verhandlungskreisen verlautet, dass sich die Gräben zwischen Industriestaaten und Ländern des globalen Südens nur langsam schließen. Insbesondere Staaten wie Indien und Indonesien pochen auf Garantien, dass sie im Gegenzug für die Herausgabe von Proben und genetischen Sequenzdaten nicht erneut vom Zugang zu Impfstoffen und Therapeutika abgeschnitten werden. Die Erinnerung an die Impfstoff-Apartheid der Corona-Jahre ist lebendig; Beobachter in Neu-Delhi und Jakarta machen keinen Hehl daraus, dass sie das Vertrauen in westliche Zusagen erst wieder aufbauen müssen. Aus Washingtoner Sicht wiederum drängt die Zeit, da eine Blockade des PABS-Mechanismus die gesamte von den USA mitgetragene Pandemiearchitektur infrage stellen würde.
Während in der Schweiz um den globalen Seuchenschutz gerungen wird, formiert sich in Afrika ein bemerkenswerter institutioneller Gestaltungswille. Die Afrikanische Union hat die permanente G20-Mitgliedschaft und die südafrikanische Präsidentschaft 2025 genutzt, um ihre Prioritäten für die amerikanische G20-Präsidentschaft 2026 strategisch zu bündeln. Bei einem AU-Retreat in Äquatorialguinea stimmen die Mitgliedstaaten derzeit ihre Positionen zu Wirtschaftswachstum, Deregulierung, Energie und Handelsinnovation ab und binden diese in die kontinentale Agenda 2063 ein. Der Kontinent, so lesen es Diplomaten in Addis Abeba, wolle sich nicht länger mit einer Statistenrolle auf der globalen Bühne begnügen.
Dass dieser Anspruch weit über klassische Diplomatie hinausreicht, zeigt die Initiative, die Anfang Mai Casablanca ins Zentrum der digitalen Gesundheitswirtschaft rückt. Mit der ersten GITEX Future Health Africa, organisiert vom emiratischen Ausrichter KAOUN gemeinsam mit dem marokkanischen Gesundheitsministerium und der Mohammed-VI-Stiftung für Wissenschaft und Gesundheit, entsteht eine Plattform, die Kontinentalpolitik, Technologieinvestoren und über 300 Aussteller verkoppelt. Marokko positioniert sich dabei als Brückenkopf einer Branche, deren Volumen bis 2030 auf 259 Milliarden Dollar geschätzt wird – Afrika würde damit zum zweitgrößten Gesundheitsmarkt der Welt. Der in Casablanca allgegenwärtige Begriff der „biomedizinischen Souveränität“ ist nicht nur ein Schlagwort, sondern ein industrie- und sicherheitspolitischer Imperativ, den Entscheidungsträger von Abuja bis Nairobi immer lauter formulieren.
Dass gesundheitliche Teilhabe nicht allein auf multilateralen Fluren und Messegeländen verhandelt wird, daran erinnerte unterdessen eine Veranstaltung in Doha, die sich bewusst dem Lokalen und Alltäglichen zuwandte. Im zweiten Science Café des Msheireb Museums und der Sidra-Klinik diskutierten Fachleute unter dem Motto „Different Abilities, Shared Futures“ über Neurodiversität und inklusive Umgebungen für Kinder und Jugendliche. Der Fokus auf familiäre Netzwerke, Peer-Groups und gesellschaftliche Bewusstseinsbildung spiegelt eine für die Golfregion neue Sensibilität, die langfristig auch auf die Gesundheitspolitik der Emirate ausstrahlen könnte.
Vorausschauend betrachtet, laufen in dieser Woche zwei Entwicklungsstränge zusammen, die das globale Gesundheitsgefüge des kommenden Jahrzehnts prägen werden. In Genf entscheidet sich, ob der Multilateralismus nach der Pandemie zu verbindlichem Recht findet oder an Partikularinteressen scheitert. Gleichzeitig wächst in Afrika, flankiert von einer selbstbewussten G20-Strategie und konkreten Infrastrukturprojekten, ein neuer geopolitischer Akteur heran, dem es nicht mehr um Almosen, sondern um Mitgestaltung und Marktzugang geht. Die Gleichzeitigkeit von Krise und Aufbruch könnte sich als produktive Unruhe erweisen – vorausgesetzt, die Gräben in Genf lassen sich überbrücken, bevor der nächste Erreger sie überspringt.
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