
Ölpreis stürzt ab, Börsen jubeln: Hoffnung auf Waffenstillstand am Golf
Ein mögliches Abkommen zwischen Washington und Teheran lässt den Ölpreis unter 100 Dollar fallen. Asiatische Aktienmärkte erreichen Rekordhöhen. Die Unsicherheit bleibt.
Die Aussicht auf eine diplomatische Lösung des Nahostkonflikts hat die internationalen Finanzmärkte in Aufruhr versetzt. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent fiel am Mittwoch zeitweise unter 98 Dollar – ein Rückgang von mehr als einem Fünftel innerhalb weniger Tage, nachdem er Ende April noch über 126 Dollar gelegen hatte. Auslöser der Kehrtwende ist die Meldung, dass die Regierung in Washington und die Führung in Teheran einem gemeinsamen Verhandlungspapier nahestehen, das eine Beendigung der Kampfhandlungen und die Wiederöffnung der Straße von Hormus vorsehen soll. US-Präsident Donald Trump selbst sprach von „großen Fortschritten“ und signalisierte, dass die Seestraße für alle Schiffe passierbar werde, sofern Iran einem Abkommen zustimme.
Die Erleichterung an den Börsen ist immens. In Tokio durchbrach der Nikkei-Index die Marke von 62.000 Punkten und markierte damit ein neues Allzeithoch – angetrieben nicht nur von der Friedenshoffnung, sondern auch von einer anhaltenden KI-Rally nach starken Unternehmenszahlen. Auch die Börsen in Südkorea, Taiwan und Australien verzeichneten sprunghafte Gewinne. Der breite MSCI-Index für asiatisch-pazifische Aktien ohne Japan stieg um ein Prozent auf ein weiteres Rekordniveau. Händler sprechen von einem „Befreiungsschlag“, warnen aber zugleich, dass derartige Fortschritte in der Vergangenheit schon mehrfach enttäuscht worden seien. Aus Sicht vieler Marktteilnehmer ist die entscheidende Frage, ob das Abkommen tatsächlich die Blockade der Meerenge beendet, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Erdöls transportiert wird.
Für die europäischen Volkswirtschaften, insbesondere für Deutschland, Österreich und die Schweiz, sind die Entwicklungen von höchster Brisanz. Der Ölpreisverfall könnte die Inflationserwartungen dämpfen und den Druck auf die Energiepreise mindern, die zuletzt stark angestiegen waren. In den USA hingegen stieg der Benzinpreis auf durchschnittlich 4,54 Dollar pro Gallone – der höchste Stand seit Juli 2022. Der Anstieg um 52 Prozent seit Kriegsbeginn zeigt, wie sehr die Kosten an der Zapfsäule von geopolitischen Risiken abhängen. Beobachter in Washington weisen jedoch darauf hin, dass die Preise trotz des Ölpreisverfalls vorerst hoch bleiben könnten, weil Raffineriekapazitäten begrenzt sind und die Nachfrage nach dem Winter wieder anzieht.
Die diplomatischen Bemühungen bleiben fragil. Zwar hat Trump die umstrittene Eskortmission „Projekt Freiheit“ vorerst ausgesetzt, um Verhandlungen nicht zu gefährden. Doch aus Teheran heißt es, das amerikanische Angebot werde noch geprüft. Zugleich gibt es weiterhin militärische Spannungen im Persischen Golf. Analysten warnen, dass bei einem Scheitern der Gespräche ein erneuter Ölpreisschock drohe. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die gegenseitigen Signale tatsächlich zu einem dauerhaften Waffenstillstand führen – oder ob der Markt einmal mehr einem Strohfeuer erlegen ist.
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