
Kanadas neuer Handelskurs zwischen Washington, Peking und innerem Druck
Im Vorfeld der anstehenden Überprüfung des Freihandelsabkommens CUSMA verschärft sich der Ton zwischen Ottawa und Washington. Premierminister Mark Carney bezeichnete die US-Zölle auf Stahl, Aluminium und Automobile als klare Vertragsverletzungen, nicht bloss als Handelshemmnisse. Während Washington auf eine zügige Neuverhandlung drängt – formelle Gespräche mit Mexiko sollen bereits Ende Mai beginnen – , signalisiert Carney, dass Kanada eigene Forderungen hat. Aus Sicht der Republikaner in Washington wäre ein Abbau der strukturellen Handelsbarrieren, etwa im Agrarsektor, wünschenswert. Doch Kanadas neuer Botschafter Mark Wiseman stellte sich bei einer Anhörung im Unterhaus hinter die Regierungslinie, die Milch- und Eierwirtschaft nicht zur Disposition zu stellen. Wiseman selbst sah sich genötigt, sich für eine nur auf Englisch versandte Einladung zu entschuldigen – ein fauxpas, der in Québec für Empörung sorgte und die sprachpolitische Empfindlichkeit des Landes unterstreicht.
Doch nicht nur die Beziehungen zu den USA belasten die Regierung. In der Provinz Alberta wächst der Widerstand gegen die Pläne für eine neue Pipeline zur Küste British Columbias. Premierministerin Danielle Smith äusserte sich skeptisch gegenüber einer südlichen Trassenführung, da der Hafen von Vancouver bereits durch die Trans-Mountain-Erweiterung stark belastet sei. Parallel dazu stocken die Verhandlungen über eine höhere Kohlenstoffbesteuerung für die Industrie – ein zentrales Element des Energieabkommens zwischen Ottawa und Edmonton. Die innenpolitischen Friktionen zeigen, wie tief die regionale Spaltung im Angesicht des US-Drucks reicht.
Während Carney darauf pocht, die kanadische Wirtschaft von ihrer übermässigen Abhängigkeit vom US-Markt zu lösen – in Ontario machen Exporte in den Süden 77 Prozent des Aussenhandels aus – , warnte Ex-Premierminister Justin Trudeau in Singapur vor einer ungewollten Annäherung an China. US-Zölle, so Trudeau, könnten kanadische Unternehmen wie einst Bombardier in die Arme Pekings treiben. Tatsächlich versucht Ottawa, mit neuen Instrumenten wie einem 500-Millionen-Dollar-Darlehensprogramm für KI-Investitionen die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Gleichzeitig betont Aussenministerin Anita Anand, dass die Förderung von Demokratie und Menschenrechten nicht hinter Handelsfragen zurückstehen dürfe – eine Retourkutsche auf die Kritik, die Regierung priorisiere Wirtschaftsdeals über Werte.
Der Blick nach vorn bleibt unsicher. Kanadas wichtigste Provinzen treiben eigene Interessen voran – Québecs Premierministerin Christine Fréchette reist nächste Woche nach Washington. Ob die tiefe Verflechtung mit den USA tatsächlich gelockert werden kann, ohne die Wirtschaft zu gefährden, wird sich in den kommenden Monaten weisen. Klar ist: Kanada steht vor einem Balanceakt zwischen transatlantischer Loyalität, asiatischen Versuchungen und innerer Einheit – einer Herausforderung, die in Berlin, Wien und Bern mit wachsamer Aufmerksamkeit verfolgt wird, da sie die Stabilität globaler Lieferketten berührt.
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