
Kassenmagnet trotz Verriss: Das Jackson-Biopic spaltet Publikum und Kritik
Der mit Spannung erwartete Film „Michael“ hat am Startwochenende in den Vereinigten Staaten alle Prognosen übertroffen und steuert auf den zweitgrößten Kinostart des Jahres 2026 zu. Mit rund 40 Millionen Dollar Einnahmen allein am Freitag und einem erwarteten Gesamteinspiel von bis zu 100 Millionen Dollar im Inland setzt sich das vom Nachlass kontrollierte Biopic deutlich von früheren Schätzungen ab. Branchenbeobachter an der Wall Street sehen darin eine erstaunliche Widerstandskraft gegenüber einem vernichtenden Presseecho, das dem Werk seit der Premiere in Los Angeles entgegenschlägt.
Aus Washingtoner Sicht offenbart der kommerzielle Triumph jene kulturelle Kluft, die sich zunehmend zwischen Fachkritik und Publikumsgeschmack auftut. Amerikanische Leitmedien bezeichnen den ersten Teil der zweiteiligen Lebensgeschichte des „King of Pop“ als hohle Werbeveranstaltung, inszeniert von einem Familienkonsortium, das nahezu alle Geschwister Jacksons – mit Ausnahme Janet Jacksons – als ausführende Produzenten versammelt. Die Handlung endet im Jahr 1988, noch vor den ersten Missbrauchsvorwürfen, und bietet eine makellose Erzählung, in der Musik und Tanz alle Abgründe überstrahlen. Die kontrollierende Hand des Estate, so monieren Kritiker an der Ostküste, habe keinen Film, sondern ein zweistündiges Infomercial entstehen lassen.
Lateinamerikanische Stimmen treiben die Debatte weiter. Mexikanische Feuilletons erinnern daran, dass der wahre Michael Jackson nicht in dieser Hochglanzfassung zu finden sei, sondern im dokumentarischen Konzertfilm „This Is It“, wo der Perfektionist noch kurz vor seinem Tod im Probenraum mit Kenny Ortega um Nuancen rang. Argentinische Kommentatoren verweisen auf eine frühe Schlüsselszene, in der Berry Gordy dem zehnjährigen Michael rät, sich jünger zu machen: „In diesem Geschäft kannst du fast alles erfinden.“ Der Satz wirkt wie ein unfreiwilliges Motto für ein Biopic, das die Künstlichkeit selbst dort zur Tugend erhebt, wo die Brüche der Biografie offen zutage liegen.
Doch die Kinokassen erzählen eine andere Geschichte. Nach zwölf Millionen Dollar aus Vorpremieren am Donnerstag und einem ersten Wochenende, das selbst Blockbuster wie „Oppenheimer“ und „Dune Part Two“ in den Schatten stellt, wird „Michael“ bei einem Budget von rund 200 Millionen Dollar bereits am ersten Wochenende weltweit nahe 180 Millionen Dollar einspielen. Die Zahl verdeutlicht, dass das Publikum die Kontroverse um die Person Jackson zugunsten eines nostalgischen Klangerlebnisses ausblendet – ein Phänomen, das auch in den deutschsprachigen Märkten zu beobachten sein dürfte, wo der Film in den kommenden Tagen startet. Schweizer und österreichische Verleiher rechnen mit ähnlichem Andrang, während deutsche Multiplex-Ketten den Film trotz ethischer Bedenken in die größten Säle legen.
Vorausschauend stellt der Erfolg die Nachlassverwalter vor eine delikate Aufgabe. Der zweite Teil, der die Jahre nach 1988 inklusive der strafrechtlichen Vorwürfe behandeln soll, wird sich nicht erneut hinter Musik und Choreografie verschanzen können. Sollte es den Produzenten nicht gelingen, eine glaubwürdige Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des Idols zu liefern, droht das filmische Denkmal an der gleichen Glaubwürdigkeitskluft zu zerbrechen, die es derzeit so souverän überspielt. Die Branche wird genau beobachten, ob der King of Pop auf der Leinwand ein zweites Mal auferstehen kann – oder ob das Publikum dann doch beginnt, den Off-Stimmen Gehör zu schenken.
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