
Nike streicht 1.400 Stellen – wie der „Win Now“-Kurs das Unternehmen umbaut
Nike treibt seinen Umbau mit einem erneuten kräftigen Personalabbau voran. Der weltgrößte Sportartikelhersteller gab am Donnerstag bekannt, rund 1.400 Stellen in der globalen Betriebsorganisation zu streichen – die große Mehrheit davon im Technologiebereich. Es ist bereits die zweite größere Entlassungswelle in diesem Jahr; im Januar hatte das Unternehmen knapp 800 Arbeitsplätze abgebaut. Operationschef Venkatesh Alagirisamy sprach in einer internen Mitteilung von der „letzten Etappe“ des Turnaround-Plans, den Nike unter dem Namen „Win Now“ vorantreibt. Ziel sei es, die Organisation zu vereinfachen, schneller reagieren zu können und langfristig profitables Wachstum zu sichern. Der Schritt trifft weniger als zwei Prozent der globalen Belegschaft, setzt aber ein deutliches Signal in einer Branche, die zwischen Innovationsdruck und Kostendisziplin navigiert.
Der Hintergrund ist eine spürbare Erlösschwäche. Im Geschäftsjahr 2025, das im Mai endete, meldete Nike einen Umsatz von 46,3 Milliarden Dollar – ein Rückgang von rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insbesondere das Direct-to-Consumer-Geschäft und die digitale Transformation lieferten nicht die erhofften Impulse. Aus Washingtoner Sicht wird der abermalige Stellenabbau deshalb als Beleg dafür gewertet, dass der im Dezember angetretene neue Konzernchef Elliott Hill keinen radikalen Bruch mit der Strategie seines Vorgängers sucht, sondern bestehende Restrukturierungslinien zuspitzt. Alagirisamy betonte in seinem Schreiben, die Maßnahmen seien keine neue Richtung, sondern die nächste Phase bereits laufender Arbeiten. Vier Schwerpunkte kristallisieren sich heraus: die Modernisierung der Technologieinfrastruktur, die Anpassung der Air-Fertigung, die Neuordnung der Converse-Lieferkette sowie die Straffung der Betriebsprozesse. Vor allem die Technologiebelegschaft soll in zwei globalen Knotenpunkten – dem Philip H. Knight Campus in Oregon und dem Nike India Technology Center – gebündelt werden.
Beobachter in Peking und Bangalore deuten diese Konsolidierung als Teil einer umfassenderen Verlagerungslogik in der Branche. Während die kreativen und forschungsnahen IT-Funktionen an der US-Westküste verbleiben, wandern operative Technologieaufgaben zunehmend nach Indien, wo der Konzern Kompetenz und Kostenvorteile zusammenführt. In der DACH-Region, wo Nike allein in Deutschland mehrere Tausend Mitarbeiter in Zentralfunktionen, Logistik und Einzelhandel beschäftigt, ist die unmittelbare Betroffenheit gering, weil der Schwerpunkt der Kürzungen auf globalen Technologieteams liegt. Dennoch wächst unter Belegschaftsvertretern die Sorge, dass eine stärkere Automatisierung und die Bündelung von Tech-Ressourcen mittelfristig auch administrative Rollen in Europa überflüssig machen könnten. Die Konzernführung versichert, es gehe um „weniger Komplexität und schnellere Reaktionsfähigkeit“, nicht um einen pauschalen Rückzug aus Standorten.
Für die Sportartikelindustrie liefert Nike damit eine Blaupause, wie Digitalisierung und Organisationsumbau mit erheblichen sozialen Kosten einhergehen. Der „Win Now“-Kurs setzt auf eine radikale Verschlankung, um Margen zu schützen und finanzielle Spielräume für Marketingoffensiven und Produktinnovationen zu schaffen. Ob diese Rechnung aufgeht, bleibt offen. Die Marke Nike verfügt über eine enorme globale Strahlkraft, doch die Stabilisierung der Erlöse hängt davon ab, ob das Unternehmen eine neue Generation von Konsumenten mit Laufschuhen wie dem Pegasus und digitalen Services tatsächlich erreicht. Die wiederholten Einschnitte im Personalgefüge bergen zudem das Risiko, dass wertvolles Know-how verloren geht und die interne Stimmung leidet. Der Turnaround ist damit nicht nur eine Frage der Kostenarithmetik, sondern eine kulturelle Bewährungsprobe. Nike muss beweisen, dass das Unternehmen nach der personellen Rosskur wieder auf die Siegerstraße zurückfindet – andernfalls drohen aus kurzfristigen Einsparungen langfristige Wettbewerbsnachteile in einem Markt, der von Newcomern und einem erstarkenden Wettbewerber aus Deutschland unter Druck steht.
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