
Kim Jong Un forciert Ausbau der Streitkräfte – Zerstörer und neue Artillerie für die Grenze
Pjöngjang rüstet auf: Ein neuer Zerstörer soll Mitte Juni in Dienst gestellt werden, zugleich werden 155-mm-Haubitzen nahe der Grenze zu Südkorea stationiert.
Nordkorea treibt seine militärische Modernisierung mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit voran. Innerhalb weniger Tage inspizierte Machthaber Kim Jong Un sowohl die Endphase eines neu gebauten Zerstörers als auch die Produktion einer Artillerie, die die südkoreanische Hauptstadt erreichen kann. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA meldete am Freitag, Kim habe den 5000 Tonnen verdrängenden Zerstörer „Choe Hyon“ besichtigt und dessen Übergabe an die Marine für Mitte Juni angeordnet. Zugleich besuchte er eine Munitionsfabrik, in der eine 155-mm-Selbstfahrlafette gefertigt wird, die noch in diesem Jahr an der südlichen Grenze stationiert werden soll. Die Reichweite des Systems wird auf über 60 Kilometer geschätzt – genug, um die nur 50 bis 60 Kilometer entfernte Millionenstadt Seoul unter Beschuss zu nehmen.
Aus seoulscher Sicht verdichten sich damit die Signale einer immer aggressiveren Haltung Pjöngjangs. Erst vor wenigen Tagen hatte Südkorea bekanntgegeben, dass die jüngste Verfassungsänderung Nordkoreas alle Bezüge auf eine Wiedervereinigung getilgt habe – ein Schritt, der Kims Ankündigung vom Jahresende entspricht, die Beziehungen zu Seoul endgültig zu kappen und ein Zwei-Staaten-System auf der koreanischen Halbinsel zu etablieren. Die neuen Artilleriestellungen sind vor diesem Hintergrund weniger eine taktische Drohung als vielmehr Teil einer strategischen Neuausrichtung: Kim setzt auf Abschreckung durch Vorwärtsverteidigung, während er parallel seine Seestreitkräfte mit dem ersten Zerstörer eigener Produktion ausbaut. Der Bau eines neuen Marinestützpunkts, den Kim bei der Inspektion ebenfalls anordnete, unterstreicht die Ambition, auch auf See eine permanente Drohkulisse aufzubauen.
Beobachter in Washington betrachten die Entwicklung mit wachsender Sorge. Die gleichzeitige Zurschaustellung von Land- und Seewaffen deutet auf eine Koordinierung hin, die das gesamte konventionelle Bedrohungsspektrum abdeckt. Bislang hatte sich die amerikanische Sicherheitspolitik gegenüber Nordkorea vor allem auf die nukleare Bedrohung konzentriert; nun rücken konventionelle Waffen ins Zentrum, die im Krisenfall eine schnelle Eskalation erzwingen könnten. Aus pekinger Perspektive wiederum mag die Aufrüstung als Teil eines innerkoreanischen Wettbewerbs erscheinen, der die regionale Stabilität gefährdet. China hat wiederholt zur Zurückhaltung aufgerufen, doch die enge wirtschaftliche und diplomatische Abhängigkeit Nordkoreas von Peking dürfte den Spielraum für öffentlichen Druck begrenzen.
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz ist die Lage vor allem eine indirekte Herausforderung. Als enge Partner Südkoreas in Handels- und Technologiefragen stehen die drei Länder vor der Frage, ob die europäische Rüstungskontrolle und Diplomatie – etwa im Rahmen der OSZE – auf ostasiatische Verhältnisse übertragbar ist. Bislang gibt es keine Anzeichen, dass Pjöngjang auf Dialogangebote eingehen will. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die neuen Waffensysteme tatsächlich wie geplant in Stellung gebracht werden oder ob die Inspektionen eher innenpolitischen Zwecken dienen, etwa um die Armee nach den wirtschaftlichen Entbehrungen der Pandemie zu beschwichtigen. Fest steht: Kim Jong Un hat sowohl technologisch als auch doktrinär eine neue Stufe erreicht, die das Kräfteverhältnis auf der Halbinsel nachhaltig verschieben könnte.
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