
Pest vor 5.500 Jahren und Vogelgrippe auf Heard Island: Neue Einsichten in die Unberechenbarkeit von Seuchen
Forscher entdecken in Sibirien die älteste bekannte Pestepidemie, während auf einer abgelegenen Insel Tausende Robben an H5-Vogelgrippe sterben – beide Ereignisse zwingen dazu, die Entstehung und Sprungfähigkeit von Zoonosen neu zu bewerten.
Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Seuchen – und zwei aktuelle Funde verschieben deren Koordinaten grundlegend. In prähistorischen Gräbern am Ufer der Angara im Baikalgebiet haben Wissenschaftler DNA-Spuren des Pesterregers Yersinia pestis in den Zähnen von Jägern und Sammlern nachgewiesen, die vor rund 5.500 Jahren bestattet wurden. Die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie zeigt, dass die Krankheit bereits in kleinen, nicht sesshaften Gemeinschaften tödliche Ausbrüche verursachte – Jahrtausende vor der mittelalterlichen „Schwarze Tod“, der Europa entvölkerte. Etwa 40 Prozent der untersuchten Skelette trugen das Bakterium in sich, darunter ein Grab mit drei eng verwandten Mädchen im Alter von vier bis neun Jahren, die vermutlich derselben Epidemie zum Opfer fielen.
Die Entdeckung, an der ein internationales Team unter Leitung von Eske Willerslev (Universitäten Kopenhagen und Cambridge) und Ruairidh Macleod (Universität Oxford) beteiligt war, stellt bisherige Annahmen auf den Kopf. Aus europäischer Forschungsperspektive galt die Pest lange als eine Krankheit, die erst mit dem Aufkommen größerer Siedlungen, Rattenpopulationen und Flöhen als Vektoren ihre pandemische Wucht entfaltete. Die sibirischen Befunde belegen nun, dass der Erreger schon in der Steinzeit hochvirulent war und sich ohne die klassischen Überträger in dünn besiedelten Regionen Zentralasiens ausbreiten konnte. Die Genomanalysen deuten darauf hin, dass die Seuche von dort aus später in mehreren Wellen nach Westen vordrang und die Grundlage für die historischen Pandemien legte.
Während die Wissenschaft die Vergangenheit neu vermisst, liefert die Gegenwart ein ebenso alarmierendes Beispiel für die Sprungfähigkeit von Krankheitserregern. Auf dem australischen Außengebiet Heard Island und McDonald Islands, 4.000 Kilometer südwestlich des Festlands im Südpolarmeer, hat der hochpathogene Vogelgrippe-Stamm H5 eine verheerende Sterblichkeit unter Südlichen See-Elefanten verursacht. Nach ersten Meldungen über hunderte tote Jungtiere im vergangenen Jahr gehen neue Schätzungen davon aus, dass mehr als drei Viertel aller in dieser Saison geborenen Robben – rund 13.000 Tiere – dem Virus erlagen. Die abgelegene Insel, die normalerweise ein ungestörtes Refugium für die Meeressäuger bietet, wurde so zum Schauplatz eines massenhaften Artensterbens durch einen Erreger, der ursprünglich von Vögeln stammt.
Beide Ereignisse – das prähistorische wie das aktuelle – führen vor Augen, wie wenig statisch die Bedrohung durch Zoonosen ist. Aus mitteleuropäischer Sicht sind die Implikationen unmittelbar: Die Vogelgrippe zirkuliert bereits in Wildvogelpopulationen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz und hat wiederholt zu Keulungen in Geflügelbetrieben geführt. Die Erkenntnis, dass selbst isolierte Ökosysteme nicht vor einem Eintrag geschützt sind, unterstreicht die Notwendigkeit einer globalen Überwachung, wie sie etwa das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems betreibt. Zugleich mahnt der Blick in die sibirische Steinzeit, dass Seuchenerreger über Jahrtausende in tierischen Reservoiren schlummern und unter veränderten ökologischen Bedingungen plötzlich neue Wirte finden können. Die Geschichte der Pest und die gegenwärtige Vogelgrippe-Panzoose lehren gemeinsam: Die nächste große Bedrohung mag nicht aus den Metropolen kommen, sondern aus den stillen Winkeln der Natur.
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Die Pest trat erstmals vor 5.500 Jahren in Sibirien auf und tötete vor allem Kinder in Jäger-Sammler-Gemeinschaften. Die Nature-Studie schreibt die Geschichte der Krankheit neu und belegt, dass tödliche Epidemien schon Jahrtausende vor dem mittelalterlichen Schwarzen Tod existierten.
Uralte Gräber in Sibirien offenbaren den ältesten Pestausbruch und schreiben die Ursprünge der Krankheit neu. Unterdessen hat die Vogelgrippe Tausende von Robbenbabys auf der abgelegenen Heard-Insel getötet und Alarm über die Ausbreitung des Virus in neue Gebiete ausgelöst. Zusammen ergeben sie eine neue, dringliche Krankheitsgeschichte.
Die erste Pestepidemie ereignete sich vor 5.500 Jahren unter Jägern und Sammlern in Sibirien – ein überraschender Befund, da solche Gemeinschaften nicht als typische Ziele galten. Die Studie stellt frühere Annahmen über die Entwicklung der Krankheit und ihre Auswirkungen auf frühe Gesellschaften infrage.
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