
Pogacar dominiert, Frauenrennen in der Schwebe: Die Widersprüche der Tour de Romandie
Tadej Pogacar verteidigt auch auf der dritten Etappe der Tour de Romandie das Gelbe Trikot, doch der Glanz des slowenischen Superstars vermag nicht über die Schattenseiten des Schweizer Rundfahrtspektakels hinwegzutäuschen. Während der 27-Jährige im Sprint von Orbe den vierten Platz belegte und sich der Franzose Dorian Godon den Tagessieg sicherte, droht dem Frauenrennen der Tour de Romandie die Absage. Aus Sicht der Veranstalter ist die für September geplante Austragung „höchst unsicher“, wie es in Kreisen der Organisation heisst. Ein Kontrast, der umso schärfer wirkt, als die Männerausgabe dieser Tage einen Besucherrekord verzeichnet – begünstigt durch das Prachtwetter und die Anziehungskraft des amtierenden Weltmeisters.
Die gelben Rapsfelder, die das Rennen wie ein zweites Maillot Jaune säumen, sind längst zur bildgewaltigen Postkarte der Tour de Romandie geworden. Sie verleihen der Strecke eine hypnotische Intensität, die auch in diesem Jahr wieder Zehntausende Zuschauer aus der Romandie und dem benachbarten Frankreich anzog. Doch während die Männer über den Jaunpass und durch die Hügel des Juras jagen, steht das Frauenrennen vor dem Aus. Die finanzielle Basis fehle, heisst es hinter vorgehaltenen Türen; die TV-Präsenz und das kommerzielle Interesse blieben weit hinter dem zurück, was für eine nachhaltige Organisation nötig wäre. Beobachter in der Westschweiz fragen sich, ob der Radsport in der Region nicht Gefahr läuft, sich auf eine männliche Erfolgsstory zu verengen.
Ein Blick über die Schweizer Grenzen hinaus zeigt, dass der Radsport in anderen Breitengraden durchaus andere Dynamiken entfaltet. Der Marokkaner Salah Eddine Mraouni gewann die vierte Etappe der Tour du Bénin und sicherte Marokko die Führung in der Mannschaftswertung. Das nordafrikanische Team liegt nun eine Minute und 24 Sekunden vor Eritrea, während der deutsche Rennstall Bike auf den dritten Rang zurückfiel. Aus Sicht von Rabat bestätigt dieser Erfolg die wachsende Bedeutung des kontinentalen Radsports, der sich jenseits der europäischen Hochburgen etabliert. Die Konkurrenz aus Eritrea und Burkina Faso zeigt, dass der Wettbewerb auf afrikanischem Boden an Tiefe gewinnt – ein Trend, der auch die Europäer aufmerken lassen sollte.
Die Zukunft des Frauenradsports in der Schweiz hängt nun davon ab, ob es gelingt, Sponsoren und Sender zu überzeugen, dass sich das Investment lohnt. Die Organisatoren der Tour de Romandie stehen vor einem strategischen Scherbenhaufen: Sie haben bewiesen, dass sie Grossereignisse stemmen können, aber der Wille zur Gleichberechtigung scheitert an harten ökonomischen Realitäten. Sollte das Rennen tatsächlich ausfallen, wäre dies ein Rückschlag für den gesamten Schweizer Frauenradsport, der sich nach den Olympischen Spielen von Paris in einer Phase der Neuorientierung befindet. Die Entscheidung, die in den kommenden Wochen fallen dürfte, wird weit über die Romandie hinaus Signalwirkung entfalten.
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