
Powell bleibt nach Amtsende Fed-Gouverneur: Widerstand gegen politischen Druck und ungewisse Zinswende
Jerome Powell hat entschieden, nach dem Auslaufen seiner Amtszeit als Fed-Vorsitzender am 15. Mai als einfacher Gouverneur im Vorstand der Notenbank zu verbleiben – ein Schritt ohne Vorbild seit 75 Jahren. Erstmals durchbricht ein scheidender Chef damit die eiserne Tradition, wonach er die Zentralbank vollständig verlässt. Powell begründete diesen ungewöhnlichen Verbleib mit den „beispiellosen“ rechtlichen Attacken der Trump-Administration, die eine strafrechtliche Untersuchung gegen ihn eingeleitet hatte, um Zinssenkungen zu erzwingen. Seine Entscheidung fiel auf jener Sitzung, die aller Voraussicht nach seine letzte als Vorsitzender war – und die zugleich die tiefste interne Spaltung seit 1992 offenbarte. Die Fed hielt den Leitzins unverändert bei 3,75 Prozent, doch drei Mitglieder widersprachen der Signalgebung, die zuvor auf Lockerung hindeutete.
Aus Washingtoner Sicht ist dies ein klares Zeichen, dass der designierte Nachfolger Kevin Warsh, von Donald Trump nominiert und als geldpolitisch taubengleich geltend, im Offenmarktausschuss auf erheblichen Widerstand stoßen wird. Warsh mag dem Weißen Haus nahestehen, aber er verfügt nur über eine Stimme unter vielen. Die institutionelle Widerstandskraft der Fed, durch Powells Verbleib nun zusätzlich abgesichert, dürfte abrupte politische Kurswechsel verhindern. In europäischen Hauptstädten, namentlich in Frankfurt und Berlin, wird diese Konstellation mit Sorge registriert. Ein anhaltend hohes US-Zinsniveau stärkt den Dollar und dämpft die Exportdynamik der deutschen, österreichischen und Schweizer Industrie – ein Szenario, das die Diskussion über die EZB-Geldpolitik weiter verkompliziert.
Hinzu tritt geopolitische Ungewissheit, die die Fed in ihrem Kommuniqué prominent erwähnt: Die Konflikte im Nahen Osten trügen zur hohen Unsicherheit bei und hielten die Energiepreise unter Druck. Israelische Finanzkreise und Beobachter in Dubai deuten dies als Bremsklotz für schnelle Zinssenkungen, während asiatische Börsenberichte aus Peking und Mumbai einen Dämpfer für die Hoffnungen auf baldige monetäre Erleichterung erkennen. Zwar haben die als „Mag-7“ bekannten Tech-Riesen und die Euphorie um künstliche Intelligenz die Märkte gestützt, doch ein restriktiveres Zinsumfeld könnte diese Bewertungen ins Wanken bringen.
Powells Vermächtnis ist widersprüchlich – ein Bild, das nicht nur das iranische Wirtschaftsblatt Donya-e Eqtesad, sondern auch die lateinamerikanische Presse zeichnet. Man wird ihm ankreiden, die Inflationswelle der Jahre 2021/22 zu lange als „vorübergehend“ eingestuft zu haben. Gleichzeitig hob er die Zinsen mutig in Rekordtempo an und stemmte sich gegen die wüsten Beschimpfungen aus dem Weißen Haus. In seiner Abschiedspressekonferenz gelobte er, sich als einfacher Gouverneur mit niedrigem Profil zu begnügen – ein Zeichen, dass er nicht den Nachfolger überschatten will, sondern die Institution vor politischen Übergriffen bewahren möchte.
Für Anleger in Frankfurt, Wien und Zürich bedeutet dies: Die Hoffnung auf eine weiche Zinswende unter neuer Führung bleibt vorerst gedämpft. Solange die Kerninflation über zwei Prozent verharrt und geopolitische Risiken die Energiepreise treiben, ist an Zinssenkungen nicht zu denken. Powells ungewöhnlicher Schritt, im Amt zu bleiben, könnte sich als kluger Schachzug erweisen, um das Vertrauen in die Geldpolitik über den politischen Sturm hinaus zu retten – eine Lektion, die weit über Washington hinaus Wirkung entfaltet.
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