
Rücktritt des Hohen Repräsentanten: Schmidt gibt auf, die Ordnung auf dem Balkan wankt
Christian Schmidt verlässt überraschend sein Amt als oberster internationaler Aufseher Bosniens. Der Schritt wirft Fragen zur Zukunft des Friedensprozesses und der Rolle der USA auf.
Der Hohe Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, Christian Schmidt, hat seinen Rücktritt angekündigt. Die Mitteilung seines Büros in Sarajevo spricht von einer persönlichen Entscheidung, doch aus Washingtoner Sicht ist der Schritt alles andere als freiwillig. Mehrere Medien berichten, die amerikanische Regierung habe dem CSU-Politiker das Vertrauen entzogen, was seine Position unhaltbar machte. Schmidts Amtszeit war von Konflikten mit den bosnischen Serben geprägt, die ihn nie als legitimen Aufseher anerkannten – auch nicht Russland, das seine Ernennung im Lenkungsausschuss des Friedensimplementierungsrats blockiert hatte. Nun gibt Schmidt nach fünf Jahren auf, der zweitlängsten Amtszeit aller Hohen Repräsentanten seit dem Dayton-Abkommen von 1995.
Das Vakuum, das er hinterlässt, trifft Bosnien in einer Phase äußerster Zerreißprobe. Beobachter in Belgrad und Banja Luka sehen in Schmidts Rückzug eine Bestätigung ihrer Kritik: Die Institution des Hohen Repräsentanten, ein mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteter „Prokonsul“ der internationalen Gemeinschaft, sei ein Anachronismus in einem formal souveränen Staat. Der bosnisch-serbische Führer Milorad Dodik, der seit Jahren auf eine Abspaltung der Republika Srpska hinarbeitet, könnte gestärkt aus dieser Entwicklung hervorgehen. Aus Moskauer Perspektive wäre eine Schwächung des internationalen Aufsichtsmechanismus ein willkommener Erfolg, da er die ohnehin brüchige Westbindung des Balkans weiter unterminieren würde.
Für die Europäer, allen voran Deutschland, Österreich und die Schweiz, die sich traditionell als Stabilitätsanker auf dem Westbalkan verstehen, ist die Lage prekär. Berlin hatte den damaligen Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt 2021 für das Amt nominiert, doch die Unterstützung der neuen US-Regierung scheint nicht mehr gegeben. Aus Brüsseler Sicht stellt sich nun die Grundsatzfrage: Kann die Europäische Union das Erbe des Hohen Repräsentanten antreten und Bosniens EU-Perspektive mit diplomatischen Mitteln sichern? Oder droht das Land, zwischen russischem Einfluss und serbischem Nationalismus zerrieben zu werden? Schmidts Nachfolge ist ungewiss, und solange der Lenkungsausschuss keinen neuen Kandidaten findet, bleibt der Deutsche kommissarisch im Amt – ein Provisorium, das die Risse im internationalen Konsens über den Balkan nur schonungslos offenlegt.
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