
Russische Reisemarkt in der Krise: Firmenpleiten steigen trotz mehr Schengen-Visa
Die Zahl der geschlossenen Reisebüros in Russland legte um 34 Prozent zu. Zugleich stiegen die Schengen-Visa-Ausgaben der EU an Russen um zehn Prozent.
Die russische Reisebranche erlebt einen paradoxen Sommer: Während die Schließung von Reiseveranstaltern im ersten Quartal 2026 um mehr als ein Drittel zunahm – insgesamt 1.200 Unternehmen stellten den Betrieb ein –, stieg die Zahl der von der EU ausgestellten Schengen-Visa für russische Bürger im vergangenen Jahr auf über 620.000, ein Plus von zehn Prozent. Aus Moskauer Sicht offenbart sich hier das doppelte Gesicht eines unter Druck stehenden Marktes. Einerseits schrumpft das Angebot, weil die Nachfrage nach Auslandsreisen aufgrund der Nahostkrise und gestiegener Preise sinkt: Die durchschnittlichen Kosten für eine organisierte Pauschalreise kletterten 2025 um neun Prozent auf rund 93.000 Rubel, wie der Branchenverband „Turpomoschtsch“ meldet.
Andererseits scheinen sich jene Reisende, die es sich leisten können, zunehmend nach Europa zu orientieren: Fast drei Viertel aller Visa-Anträge aus Russland entfielen auf Frankreich, Italien und Spanien – ein Indiz für eine beharrliche Sehnsucht nach dem alten Kontinent, trotz politischer Distanzierungen aus Brüssel. Aus Brüsseler Sicht jedoch untergräbt die steigende Visa-Vergabe den Kurs der europäischen Isolation: Die EU-Kommission räumt ein, dass die Zahl der Anträge um acht Prozent zugenommen hat, und die Konjunkturdaten konterkarieren die Sanktionsrhetorik. Zugleich stagniert der russische Binnenmarkt: Die Zahl der Neugründungen von Reisebüros blieb im ersten Quartal unverändert, während die Ausgaben der Russen für Tourismus im April um bis zu neun Prozent schrumpften.
Ein Blick über den Atlantik zeigt, dass sich das globale Reisegefüge verschiebt: Nach mexikanischen Angaben steigen die Kreuzfahrtpassagierzahlen um knapp zehn Prozent, und die USA verlieren als Quellmarkt an Boden – Kanada gewinnt. Aus mexikanischer Perspektive wird deutlich, dass der Tourismus insgesamt dynamisch bleibt, auch wenn einzelne Regionen unter geopolitischen Friktionen leiden. Für den deutschsprachigen Raum sind diese Entwicklungen doppelt relevant: Österreich und die Schweiz verzeichnen einen verstärkten Zustrom russischer Touristen, während deutsche Reiseveranstalter die steigenden Preise und die Unwägbarkeiten im Nahen Osten einkalkulieren müssen.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage in Russland zu einer weiteren Marktbereinigung führt oder ob sich ein neues Muster aus Luxusreisen und beschränkter Mobilität verfestigt.
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