
Strategielos in Bamako: Wie Mali zum Spielball von Dschihadisten und Separatisten wird
Die strategische Militärbasis Tessalit im Norden Malis ist gefallen – kampflos. Am Freitag zogen sich die malischen Streitkräfte und ihre russischen Verbündeten zurück, bevor Kämpfer der „Front de Libération de l’Azawad“ das Lager nahe der algerischen Grenze besetzten. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer beispiellosen Doppeloffensive, die das Land seit Ende April in Atem hält und die Hilflosigkeit der Militärjunta in Bamako schonungslos offenlegt. Während die Welt nach Kiew und Gaza blickt, zerfällt die Sicherheitsarchitektur im Sahel mit besorgniserregender Geschwindigkeit.
Was diese Eskalation so brisant macht, ist eine unheilige Allianz zwischen der al-Qaida-nahen „Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime“ (JNIM) und den separatistischen Tuareg der Azawad-Befreiungsfront. Ihre Endziele könnten kaum unterschiedlicher sein: hier ein rigider islamistischer Staat, dort ein säkularer Tuareg-Staat. Doch der gemeinsame Feind eint sie. Beide Gruppen attackieren koordiniert Stellungen der Junta, die bereits die Kontrolle über die nördliche Stadt Kidal verlor, und blockieren Zufahrten zur Hauptstadt. Die JNIM rief offen zum Aufstand auf – ein propagandistischer Coup, der die angeschlagene Autorität des Regimes weiter untergräbt.
Aus der Sicht Bamakos verwischen die Fronten auf fatale Weise. Staatsanwälte beschuldigen inzwischen eigene Militärangehörige, mit den Rebellen und Dschihadisten gemeinsame Sache zu machen. Währenddessen erklärt ein Sprecher der Azawad-Front bei einem Besuch in Paris, das Regime in Bamako werde „früher oder später fallen“. In diesen Worten schwingt das Selbstbewusstsein einer Bewegung mit, die nach jahrelanger Marginalisierung plötzlich im Zentrum des Geschehens steht.
Beobachter in Washington warnen ebenfalls vor einer gefährlichen Dynamik. Eine Studie des Africa Center for Strategic Studies, einer Einrichtung des amerikanischen Verteidigungsministeriums, zeigt, dass die JNIM in den letzten Jahren ihre Operationen systematisch ausgeweitet, neue geografische Räume erschlossen und lebenswichtige Infrastruktur ins Visier genommen hat. Ohne ein breiteres Bündnis lokaler, regionaler und internationaler Partner, so die Analyse, lasse sich dieser Trend kaum umkehren.
Aus Moskauer Perspektive erweist sich das Versprechen, den Sahel mit paramilitärischen Kräften zu stabilisieren, als brüchig. Der kampflose Rückzug aus Tessalit gleicht einer schallenden Ohrfeige für die russischen Söldner, deren Präsenz die Junta als Alternative zur französischen Operation Barkhane feierte. Für Berlin, Wien und Bern sind die Vorgänge mehr als eine humanitäre Notiz. Scheiterstaatliche Tendenzen in Mali nähren Migrationsbewegungen und schaffen Räume, in denen Extremismus ungestört gedeiht. Die europäischen Ausbildungsmissionen sind Vergangenheit, eine neue Sicherheitsstrategie für die Region ist nicht in Sicht. Die Zweckallianz von Terror und Separatismus mag fragil sein, doch für den Moment zeigt sie, dass das souveränistische Pathos der Junta keine Antwort auf die Erosion staatlicher Ordnung bietet.
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