
Tschernobyl-Gedenken: Selenskyj klagt Russland des „nuklearen Terrorismus“ an – mindestens 16 Tote bei neuen Attacken
Vierzig Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Russland des »nuklearen Terrorismus« bezichtigt. Während das Land am Sonntag der schlimmsten zivilen Nuklearkatastrophe der Geschichte gedachte, wurde es von einer neuen Welle russischer Drohnen- und Raketenangriffe getroffen, die nach offiziellen Angaben mindestens 16 Todesopfer forderte. Selenskyj warnte, Moskau bringe die Welt mit seinen Angriffen erneut an den Rand einer von Menschen verursachten Katastrophe. Russisch-iranische Shahed-Drohnen überflögen regelmäßig das stillgelegte Kraftwerk; voriges Jahr habe eine von ihnen die Schutzhülle des Reaktors getroffen.
Die jüngsten Angriffe zeichnen eine blutige Geographie der Eskalation. In der nordöstlichen Region Sumy kamen zwei Zivilisten ums Leben, als eine Drohne ein Dorf nahe der Grenze traf. In der zentralöstlichen Stadt Dnipro stieg die Zahl der Toten nach einem Raketen- und Drohnenhagel auf neun, zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt. Russische Behörden auf der annektierten Krim meldeten ihrerseits einen Toten durch einen ukrainischen Drohnenangriff auf den Hafen von Sewastopol. Die Gewalt trifft Dörfer im ukrainischen Grenzland ebenso wie Städte tief im Hinterland und russisch kontrolliertes Territorium.
Die Explosion von Reaktor vier am 26. April 1986, ausgelöst durch menschliches Versagen bei einem Sicherheitstest, hatte eine radioaktive Wolke über weite Teile Europas getrieben. Bis heute leiden vor allem Gebiete in der Ukraine, Belarus und Russland unter den Spätfolgen; die gesundheitlichen Langzeitwirkungen sind trotz eines UN-Berichts von 2005 schwer zu quantifizieren. Das stillgelegte Kraftwerk bleibt eine offene Wunde im kollektiven Gedächtnis Europas – und wird nun selbst zum potenziellen Gefahrenherd im Krieg.
Aus Kiewer Sicht ist das routinemäßige Überfliegen des Sperrgebiets durch Kampfdrohnen ein vorsätzlicher Bruch nuklearer Sicherheitsnormen, der den Westen zu schärferen Sanktionen zwingen soll. Moskau kehrt die Perspektive um: Der von Russland eingesetzte Statthalter auf der Krim machte ukrainische Drohnen für zivile Todesopfer verantwortlich und stellt die eigene Militäroperation als Verteidigung gegen eine westlich gesteuerte Bedrohung dar. In Brüssel und Wien betrachten Beobachter die Vorfälle mit wachsender Alarmiertheit; die Internationale Atomenergiebehörde hatte wiederholt vor den Risiken gewarnt, ohne dass wirksame Schutzmaßnahmen durchgesetzt werden konnten. In Peking, wo das Land selbst einen massiven Ausbau der Atomkraft vorantreibt, wird die Instrumentalisierung ziviler Nuklearanlagen als gefährlicher Präzedenzfall registriert. Papst Leo XIV. mahnte aus dem Vatikan, die Atomenergie müsse stets dem Frieden und dem Leben dienen.
Das Tschernobyl-Jubiläum rückt eine unbequeme Realität ins Bewusstsein: Mehr als vier Jahre nach dem russischen Überfall bleibt die Gefahr eines strahlungstechnischen Unfalls virulent. Solange Kampfhandlungen in der Nähe von Nuklearanlagen andauern und eine diplomatische Lösung ausbleibt, wächst das Risiko einer neuerlichen Katastrophe. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz, die dem Atomstrom überwiegend skeptisch gegenüberstehen, ist dies ein erneutes Mahnmal, die sicherheitspolitische Dimension ziviler Kerntechnik nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Debatte über Laufzeitverlängerungen alter Reaktoren in der EU wird durch die Bilder von Tschernobyl und die Drohnenangriffe zusätzlich emotionalisiert – und zeigt, wie sehr der Schatten jener Aprilnacht von 1986 bis in die Gegenwart reicht.
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