
Von Alexandrias Giftstaub bis Hormus: Vier Perspektiven auf eine zerrissene Welt
Der ägyptische Fotograf Mohamed Mahdy hat mit seiner Serie „Mondstaub“ den renommierten World Press Photo Award gewonnen – zum zweiten Mal. Sein preisgekröntes Langzeitprojekt dokumentiert das Leben im Viertel Wadi al-Qamar westlich von Alexandria, wo mehr als dreißigtausend Menschen in unmittelbarer Nähe einer Zementfabrik leben. Die Anlage verbrennt Kohle und Industrieabfälle, und giftiger Staub legt sich über die Siedlung. Aus Kairoer Sicht ist die Auszeichnung nicht nur ein künstlerischer Erfolg, sondern auch ein öffentlicher Schlaglicht auf eine humanitäre Katastrophe: Kinder werden mit Asthma geboren, Familien leiden an irreversiblen Lungenschäden. Die Bilder zwingen die internationale Gemeinschaft, hinzusehen – doch die Politik vor Ort bleibt weitgehend untätig.
Während in Ägypten Menschen in einem toxischen Nebel ausharren, endet eine andere Geschichte des Scheiterns in Frankreich tödlich. Die Schweizer Zeitung Le Temps berichtet von Idriss, einem jungen Algerier, der sich das Leben nahm, weil er nicht in seine Heimat zurückkehren wollte. Zwei Patek-Philippe-Uhren, offenbar das einzige, was ihm nach Jahren der Illegalität geblieben war, fanden sich neben ihm. Aus Genfer Perspektive wird hier das Paradox einer Migrationspolitik sichtbar, die Menschen wie Idriss zwischen Abschiebung und Selbstaufgabe zermahlt. Der Traum von Europa, der einst die Hoffnung nährte, zerfällt in ein Nichts – und zwar buchstäblich in einem Pariser Hinterhof.
Weit entfernt, aber ebenso von unsichtbaren Kräften geprägt, liegt die Straße von Hormus vor der iranischen Küste. Die iranische Fotografin Hoda Afshar kehrt seit 2015 immer wieder auf die Inseln Qeschm und Hormus zurück, um die dortigen Glaubensvorstellungen über Windgeister festzuhalten. Aus Teheraner Sicht sind ihre Porträts ein faszinierendes Zeugnis einer Lebenswelt, die zwischen Moderne und uralten Ritualen oszilliert. Die Bewohner schreiben den Winden heilende oder zerstörerische Kräfte zu – eine Spiritualität, die angesichts der Öltransporte und geopolitischen Spannungen in der Meerenge fast anachronistisch wirkt, doch gerade darin ihre Widerständigkeit entfaltet.
Einen völlig anderen Ton schlägt der französische Film „La petite cuisine de Mehdi“ an, den Le Devoir aus Montréal als „aufgewärmtes Gericht“ bespricht. Regisseur Amine Adjina verlegt die Handlung in ein Bistro bei Lyon, wo ein Geheimnis um einen jungen Koch namens Mehdi die Figuren in einen bühnenreifen Irrgarten aus Verwicklungen treibt. Aus Pariser Sicht zeigt der Film zwar die Wärme eines migrantisch geprägten Viertels, scheitere aber an einer zu engen Dramaturgie, die das Milieu eher ausstellt als ernst nimmt. Während Alexandria erstickt und Idriss stirbt, bleibt Mehdi eine harmlose Komödie – ein Zeichen, dass die kulturelle Reproduktion von Migrationserfahrungen oft hinter der Realität zurückbleibt.
Die vier Geschichten, so unterschiedlich sie sind, verweisen auf ein gemeinsames Muster: In einer Welt, die immer ungleicher wird, versuchen Individuen, sich gegen Umweltzerstörung, bürokratische Härte und kulturelle Entwurzelung zu behaupten. Ob in Ägypten, Algerien, Iran oder Frankreich – die Zukunft wird davon abhängen, ob sich die Gesellschaften den strukturellen Ursachen dieser Verzweiflung stellen oder ob sie weiterhin nur die Symptome fotografieren, betrauern und manchmal verfilmen.
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