
Vor dem Trump-Xi-Gipfel: Peking warnt, Taiwan sei das größte Risiko für die Weltmächte
In einer unmissverständlichen Botschaft wenige Wochen vor dem erwarteten Gipfeltreffen zwischen Donald Trump und Xi Jinping hat Chinas Außenminister Wang Yi die Taiwan-Frage zum „größten Risikofaktor“ in den Beziehungen zwischen Peking und Washington erklärt. In einem Telefonat mit seinem amerikanischen Amtskollegen Marco Rubio unterstrich Wang, die Insel betreffe die Kerninteressen Chinas, und forderte die Vereinigten Staaten auf, ihre Zusagen einzuhalten und die richtige Wahl zu treffen, um neuen Raum für bilaterale Zusammenarbeit zu öffnen. Die Telefonkonferenz, über die neben chinesischen Staatsmedien auch Agenturen in Moskau, Teheran und Beirut berichteten, war ausdrücklich der Vorbereitung der Reise Trumps gewidmet und zeigt, wie fragil die von beiden Seiten beschworene Stabilität tatsächlich ist.
Aus Pekinger Sicht steht der Anruf im Zeichen einer großen strategischen Klammer: Wang Yi bezeichnete die Gipfeldiplomatie zwischen Xi und Trump als zentralen Anker der Beziehungen und mahnte, die mühsam errungene Stabilität müsse durch sorgfältige Vorbereitung der hochrangigen Kontakte bewahrt werden. Gleichzeitig verwies er auf die Notwendigkeit, Kooperationsfelder auszuweiten und Differenzen auf der Grundlage gegenseitigen Respekts und friedlicher Koexistenz zu regeln. Dass das chinesische Außenministerium die Warnung zu Taiwan an die Spitze seiner Gesprächszusammenfassung stellte, ist ein deutliches Signal: Ohne Fortschritte in der Kernfrage der territorialen Integrität bleibt jede Annäherung eine Fassade.
In Washington hingegen betonte Rubio nach Darstellung Pekings, die bilateralen Beziehungen seien die wichtigsten der Welt, und unterstrich das beiderseitige Interesse an Stabilität. Ein namentlich nicht genannter amerikanischer Regierungsvertreter bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, das Gespräch habe der Vorbereitung der Trump-Reise gedient. Damit entsteht das Bild einer Administration, die den Gipfel als Beweis ihrer Fähigkeit präsentieren möchte, mit der Rivalin China einen geordneten Umgang zu pflegen – ohne jedoch in der Taiwan-Frage substanzielle Zugeständnisse anzukündigen. Gerade diese Diskrepanz zwischen chinesischen Kernforderungen und amerikanischer Bündnistreue gegenüber Taiwan macht den Risikofaktor aus.
Beobachter in Moskau notierten neben dem Taiwan-Streit einen weiteren Schwerpunkt: Laut russischen Agenturberichten erörterten Wang und Rubio auch die Lage im Nahen Osten. Dies unterstreicht den globalen Charakter des Gesprächs und die wechselseitige Abhängigkeit der Krisenherde. Während Teheraner und Beiruter Medien die chinesische Warnung als Beleg für ein selbstbewusstes Peking interpretieren, das Washington Grenzen aufzeigt, registriert man in arabischen Hauptstädten aufmerksam, dass selbst in angespannten Phasen die beiden Großmächte über regionale Konflikte sprechen – stets mit dem Risiko, dass Spannungen im Südchinesischen Meer auf andere Schauplätze überschwappen.
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz steht weit mehr auf dem Spiel als geopolitische Ordnungsfragen. Die Taiwanstraße ist eine Lebensader des globalen Halbleiterhandels; eine Eskalation würde empfindliche Lieferketten unterbrechen und die exportorientierten Volkswirtschaften Mitteleuropas hart treffen. Zudem setzt die Europäische Union auf einen stabilen Rahmen im Indopazifik, der weder von chinesischer Kompromisslosigkeit noch von amerikanischer Konfrontationsrhetorik aufgezehrt wird. Die europäische Diplomatie wird deshalb den Trump-Xi-Gipfel im Mai genau daraufhin abklopfen, ob es gelingt, aus taktischer Gesprächsbereitschaft ein strategisches Krisenmanagement zu formen.
Blickt man nach vorn, so wird der Gipfel zu einer Belastungsprobe für die These, wonach stabile Großmachtbeziehungen auch ohne Lösung der Taiwan-Frage möglich sind. Wang Yis drastische Wortwahl zeigt, dass Peking den Verhandlungsspielraum verengt und die eigene Kompromisslosigkeit als Vorbedingung für jede weitere Kooperation setzt. Ob Washington darauf mit stillschweigender Akzeptanz oder robuster Rückendeckung für Taipei reagieren wird, entscheidet nicht nur über den Charakter des Treffens, sondern auch über die Architektur der internationalen Ordnung in den kommenden Jahren.
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