
Zwischen Liga-Entscheidung und WM-Bangen: Spaniens Fußball im Ausnahmezustand
Der spanische Fußball erlebte am Wochenende eine Zäsur, die weit über die Grenzen der Iberischen Halbinsel hinausstrahlt. In der Hitze Sevillas verdichtete sich die Krise des amtierenden Meisters Real Madrid zu einem Moment von symbolischer Wucht: Ein Ausgleichstreffer von Héctor Bellerín in der 94. Minute ließ La Cartuja in ekstatischen Jubel ausbrechen und besiegelte nicht nur das 1:1, sondern de facto auch die Titelambitionen der Königlichen. Doch der schmerzhaftere Verlust für den Verein und die gesamte Fußballwelt ereignete sich Minuten zuvor, als Kylian Mbappé ohne Fremdeinwirkung das Spielfeld verließ. Der französische Kapitän, sichtlich gezeichnet von einem Ziehen in der hinteren Oberschenkelmuskulatur, wurde zum Symbol eines Abends, der in Madrid als „schwarze Nacht“ in die Annalen eingeht. Nur 53 Tage vor dem WM-Auftakt der Équipe Tricolore gegen den Senegal richtet sich der sorgenvolle Blick aus Paris nun auf die medizinische Abteilung in Madrid, wo erste Untersuchungen auf eine Zerrung hindeuten, das volle Ausmaß jedoch noch ungewiss ist.
Während der königliche Rivale strauchelte, demonstrierte der FC Barcelona in der ungeliebten Fremde des Coliseums die Souveränität des kommenden Meisters. Ohne den verletzten Lamine Yamal und den brasilianischen Flügelstürmer Raphinha, der sich beim Länderspiel in Frankreich verletzt hatte, entzauberten die Katalanen das defensivstarke Getafe mit einem verdienten 2:0. Tore von Fermín López und Marcus Rashford ließen den Vorsprung an der Tabellenspitze auf komfortable elf Punkte anschwellen. Die Meisterschaft ist rechnerisch noch nicht entschieden, doch aus Washingtoner Sicht, wo man bereits intensiv die Planungen für die Klub-WM und das darauffolgende globale Turnier vorantreibt, dürfte die spanische Frage geklärt sein. Es ist ein Triumph der Resilienz für Hansi Flick, dessen Mannschaft nach dem Champions-League-Aus gegen Atlético Madrid und den schweren Verletzungen seiner Stürmer eine mentale Stärke bewies, die in der Hinrunde noch nicht zu erkennen war. Speziell die defensive Abgeklärtheit eines trotz seiner Jugend bereits veteranenhaft wirkenden Pau Cubarsí gab der Mannschaft das nötige Gerüst.
Die eigentliche Schockwelle für die globale Fußballgemeinde geht jedoch von den parallel auftretenden Muskelverletzungen der Superstars aus. Aus deutscher Perspektive sorgte ausgerechnet Oliver Kahn für eine hitzige Debatte. Der Titan riet dem 18-jährigen Yamal in einem bemerkenswert drastischen Appell, auf die WM-Teilnahme gänzlich zu verzichten, um nicht denselben verhängnisvollen Fehler zu begehen wie einst Samuel Umtiti, der seine Karriere für den Weltmeistertitel 2018 opferte. In Barcelona hingegen vertraut man auf einen konservativen Heilungsplan, wohlwissend, dass es sich um Yamals erste schwere Muskelverletzung handelt und ein übereiltes Handeln das gesamte nächste Vereinsjahr gefährden könnte. Flick sendete zwar eine verhalten optimistische Botschaft Richtung spanisches Nationalteam, doch die Angst im katalanischen Lager ist greifbar: Man misstraut dem medizinischen Fahrplan des Verbandes und drängt auf maximale Vorsicht.
So steht der große Zirkus des Weltfußballs vor einem Wettlauf gegen die Zeit. Die Liste der prominenten Ausfälle liest sich wie das Drehbuch eines Dramas: Militao, Güler, ter Stegen – die Vorbereitung auf das erste 48er-Turnier in den USA, Kanada und Mexiko wird für viele Trainer zur logistischen und medizinischen Zitterpartie. Beobachter in Peking, wo man die Entwicklung der europäischen Top-Ligen mit wachsendem Interesse verfolgt, registrieren die Häufung der Muskelverletzungen als Menetekel einer völlig überladenen Spielkalenders. Die spanische Liga ist entschieden, doch der Zustand ihrer größten Protagonisten wird die Schlagzeilen dominieren. Sollten sowohl Mbappé als auch Yamal in ihrer derzeitigen Form nach Nordamerika reisen, würde das Turnier zwei seiner glänzendsten Juwelen nur als Schatten ihrer selbst präsentieren können. Die kommenden Wochen der Rehabilitation werden daher nicht nur über Klubinteressen entscheiden, sondern maßgeblich über die Qualität und Legitimität der anstehenden Weltmeisterschaft.
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