
Zwischen Stummfilm-Hommage und Superheldinnen-Rache: Der Sommer der Familienfilme
Von Annecy bis Mexiko-Stadt: Wie neue Animations- und Superheldenfilme das Publikum suchen, alte Geschichten neu erzählen und dabei die Grenzen des Franchise-Denkens ausloten.
Im grossen Saal des Festival International du Film d’Animation in Annecy brandete minutenlanger Applaus auf, noch bevor der letzte Stummfilmtitel von „Minions & Monsters“ über die Leinwand geflimmert war. Die gelben Figuren, die seit 2010 kaum ein verständliches Wort sprechen, waren in das Hollywood der 1920er Jahre katapultiert worden – eine Zeit, in der Komik allein durch Gesten, Blicke und slapstickhafte Körperlichkeit entstand. Regisseur Pierre Coffin, der den Minions auch seine Stimme leiht, hatte gemeinsam mit Autor Brian Lynch eine Geschichte ersonnen, in der die beiden Protagonisten James und Henry unversehens zu Stars des Stummfilms aufsteigen, nur um mit der Ankunft des Tonfilms alles zu verlieren und schliesslich monströse Kreaturen auf Los Angeles loszulassen. Die Fachpresse, darunter Variety und The Wrap, feierte den Film als „Liebesbrief an das klassische Hollywood“ und erkannte darin explizit die Einflüsse von Buster Keaton, Charlie Chaplin und Harold Lloyd.
Dieser bewusste Rückgriff auf die Ursprünge der Filmkomik ist kein Einzelfall in einem Kinosommer, der das Spannungsfeld zwischen nostalgischer Vertrautheit und erzählerischer Erneuerung austastet. In Mexiko startet am 25. Juni „Supergirl: Woman of Tomorrow“, einen Tag früher als in den USA. Unter der Regie von Craig Gillespie und mit Milly Alcock in der Titelrolle zeigt der Film eine Kara Zor-El, die nicht als leuchtende Beschützerin auftritt, sondern als junge Frau, die zu spät auf der Erde ankam, ihren Cousin nicht mehr beschützen konnte und nun in einer von Rache und Gerechtigkeit getriebenen interstellaren Mission ihren Platz sucht. Die Londoner Weltpremiere wurde von der Fachpresse mit ausgesprochen positiven Reaktionen bedacht. Gleichzeitig läuft bereits der fünfte „Toy Story“-Film, der Woody, Buzz und Jessie mit einer Generation konfrontiert, die lieber auf Tablets als auf Stofftiere starrt – ein Konflikt, der in den lateinamerikanischen Kinosälen auf ganz irdische Konkurrenz traf: In Mexiko lockte der Animationsfilm am ersten Wochenende 5,2 Millionen Besucher an, blieb damit jedoch hinter den 6,2 Millionen zurück, die „Super Mario Galaxy“ im April im selben Zeitraum erreicht hatte. Die Fussball-Weltmeisterschaftsqualifikation, insbesondere das Spiel der mexikanischen Nationalmannschaft, tat ein Übriges, so die Cámara Nacional de la Industria Cinematográfica.
Hinter den Kulissen tobt indes eine leise, aber grundsätzliche Debatte über den künstlerischen Wert des Immergleichen. Tom Hanks, der seit 1995 dem Cowboy Woody seine Stimme leiht, erklärte gegenüber Entertainment Weekly, er würde nur dann für einen sechsten Teil zurückkehren, wenn die Geschichte „grossartig, neu und innovativ“ sei und nicht bloss ein profitables Markenprodukt verlängere. Dass seine Stimme notfalls mithilfe Künstlicher Intelligenz aus den digital archivierten Aufnahmen rekonstruiert werden könnte, nannte er einen „erschreckenden Gedanken“. Pixar selbst hatte für „Toy Story 5“ ursprünglich ein anderes Ende vorgesehen: Jessie sollte ihrer früheren Besitzerin Emily, inzwischen eine erwachsene Grossmutter, leibhaftig wiederbegegnen. Das Team um Co-Regisseurin McKenna Harris verwarf die Szene jedoch zugunsten einer indirekteren Lösung – Emily hat ihre Tochter nach der Vaquera benannt, ein stilles Echo, das die emotionale Wunde aus „Toy Story 2“ schliesst, ohne die Figuren physisch zusammenzuführen. Das offizielle Begleitbuch „The Art of Toy Story 5“ dokumentiert diesen kreativen Entscheidungsprozess.
Das lateinamerikanische Publikum nimmt diese Werke mit jener Mischung aus Treue und Selektivität auf, die einen reifen Markt kennzeichnet. In Kolumbien wird „Minions & Monsters“ am 1. Juli starten, nach Voraufführungen Ende Juni; in Argentinien hat „Toy Story 5“ bereits die winterlichen Schulferien eingeläutet, und mit „Moana“ als Realverfilmung sowie dem für Ende Juli angekündigten „Spider-Man: Un Nuevo Día“ steht eine dicht bestückte Saison bevor. Von den über hundert Filmen, die 2026 in Mexiko anliefen, haben bislang nur elf die Marke von einer Million Zuschauern überschritten – ein Hinweis darauf, dass selbst grosse Marken nicht automatisch volle Säle garantieren.
So bleibt als prägendes Bild dieses Kinosommers vielleicht jener Moment, in dem die Minions im Hollywood der 1920er Jahre unbeholfen über ein Set stolpern und dabei, ohne es zu ahnen, die reine Körperkomik wiederentdecken, die lange vor ihnen Charlie Chaplin erfand. Es ist eine Geste, die zurückweist in eine Zeit, in der Bilder noch ohne Worte auskamen – und die zugleich vorausdeutet auf eine Gegenwart, in der selbst die Stimme eines Oscarpreisträgers zur digitalen Verfügungsmasse zu werden droht.
| Kontinentaleuropäische Presse | 0.00 | neutral |
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