
Bebenschock und Flammenmeer: Japans Norden kämpft an zwei Fronten
Ein starker Erdstoß der Stärke 6,1 hat am frühen Montagmorgen die nördliche Hauptinsel Hokkaido erschüttert und Japan eine weitere Naturgewalt beschert, während im Norden bereits verheerende Waldbrände wüten. Das Beben ereignete sich um 5.24 Uhr Ortszeit in einer Tiefe von rund 81 Kilometern, sein Epizentrum lag etwa 42 Kilometer westlich der Stadt Obihiro. Weder die japanische Wetterbehörde noch die US-Erdbebenwarte USGS gaben eine Tsunami-Warnung heraus. Die vergleichsweise große Tiefe und die dünn besiedelte Region dämpften die Zerstörungskraft; Meldungen über Tote oder schwere Schäden lagen zunächst nicht vor. Dennoch warnten die Behörden in Tokio vor erhöhter Gefahr von Erdrutschen und Steinschlag in stark erschütterten Gebieten. Aus Washingtoner Sicht stufte der United States Geological Survey das Risiko für Gebäudeschäden und Personengefährdung als gering ein – ein Glücksfall der Geologie, der indes nicht über die chronische seismische Bedrohung hinwegtäuschen kann, der Japans Inselbogen auf dem Pazifischen Feuerring ausgesetzt ist.
Das Beben ist das jüngste Glied einer beunruhigenden Kette. Erst vor einer Woche hatte ein Erdstoß der Stärke 7,7 vor der Nordostküste eine kurzfristige Tsunami-Alarmierung und eine amtliche Warnung vor einem leicht erhöhten Risiko eines Megabebens ausgelöst. Zwar betonte die Wetterbehörde JMA nun, das aktuelle Ereignis liege außerhalb der für diese Megaerdbeben-Warnung relevanten Zone und die erhöhte Alarmstufe laufe demnächst aus. Doch die Häufung unterstreicht, wie dünn der Firnis der Normalität in der Region ist. In Moskau registrierte der Altai-Sajan-Zweig der Russischen Akademie der Wissenschaften das Beben nahezu zeitgleich und meldete leichte Erschütterungen selbst auf den Südkurilen, mehr als eintausend Kilometer vom Epizentrum entfernt.
Unterdessen kämpft das Land an einer zweiten Front. Seit fünf Tagen fressen sich Waldbrände durch die Berge der nordjapanischen Pazifikküste. Rund 1.400 Feuerwehrleute und 100 Soldaten der Selbstverteidigungsstreitkräfte sind im Einsatz, um die Flammen einzudämmen, die das malerische Küstenstädtchen Otsuchi bedrohen. Bis Sonntagmorgen hatten die Brände eine Fläche von 1.373 Hektar verkohlt; für 1.541 Haushalte mit mehr als 3.200 Einwohnern gelten Evakuierungsanordnungen. Die Tragik des Ortes Otsuchi wiegt doppelt schwer: Bei der Dreifachkatastrophe von 2011 verlor die Gemeinde nahezu ein Zehntel ihrer Bevölkerung. Am Sonntag brachen zudem zwei weitere Brände in der Region aus – in Kitakata und Nagaoka –, was die ohnehin angespannten Löschressourcen weiter strapaziert. Beobachter in Peking verweisen darauf, dass Japan historisch selten von großflächigen Waldbränden heimgesucht wurde, der Klimawandel mit seinen trockeneren und windigeren Perioden die Frequenz jedoch steigen lässt.
Für das deutschsprachige Europa sind diese parallelen Krisen mehr als ferne Katastrophenmeldungen. Japan ist nicht nur ein enger Wirtschaftspartner, sondern nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima auch der dauerhafte Referenzpunkt für die sicherheitspolitische Debatte um Erdbeben- und Tsunamivorsorge. Rückversicherer wie die Münchener Rück beobachten solche Kumulereignisse aufmerksam, weil sie die Modelle für verbundene Naturgefahren schärfen. Die nächtliche Erschütterung auf Hokkaido und die zähen Kämpfe gegen die Feuerwand vor Otsuchi legen eine unbequeme Wahrheit offen: Selbst die am besten vorbereitete Industrienation kann, wenn tektonische Spannungen und klimabedingte Extremereignisse zusammentreffen, an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geraten. Vorerst bleibt die Megaerdbeben-Warnung entschärft, doch der Feuerring schläft nicht – und der Norden Japans atmet schwer unter der Last einer längeren Feuersaison.
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