
Ein Spritzer Salzwasser und ein versunkenes Schiff: „Enola Holmes 3“ sucht nach einem neuen Ton
Mit dem dritten Teil der Netflix-Reihe wagt Regisseur Philip Barantini einen düsteren Neuanfang – und lässt das Publikum mit einem rätselhaften Unterwasserbild zurück.
Die Kamera taucht unter die Wasseroberfläche, das Sonnenlicht bricht sich in tanzenden Strahlen, und für einen stillen Moment ruht der Blick auf dem Wrack der „Adeline’s Wrath“. So endet „Enola Holmes 3“, ohne Cliffhanger, ohne drohende Schatten – nur das Meer und ein versunkenes Schiff. Sekunden zuvor hat Enola (Millie Bobby Brown) ihrem frisch angetrauten Lord Tewkesbury lachend Salzwasser ins Gesicht gespritzt, ein Bild jugendlicher Unbeschwertheit, das die Dringlichkeit der vorangegangenen Mission beinahe vergessen lässt. Denn eigentlich sollte an diesem Tag auf Malta eine Hochzeit stattfinden, doch die Feierlichkeiten wurden jäh unterbrochen: Sherlock Holmes (Henry Cavill) ist entführt worden, und Enola muss gemeinsam mit Dr. John Watson (Himesh Patel) eine Spur durch die Gassen und Gewölbe der Insel verfolgen.
Die junge Detektivin, die in den ersten beiden Filmen noch als aufmüpfige Teenagerin die viktorianischen Konventionen durchrüttelte, steht nun vor einer doppelten Zerreißprobe. Die Süddeutsche Zeitung nannte sie einmal „Sherlocks aufmüpfige zwanzig Jahre jüngere Schwester, die sich mit erstaunlichem feministischen Selbstbewusstsein in ihre Ermittlungen stürzt“. In der dritten Adaption von Nancy Springers Buchreihe ist dieses Selbstbewusstsein gereift, doch die Frage, ob Ehe und Detektivkarriere vereinbar sind, wird zum emotionalen Unterbau einer Handlung, die sich thematisch an Kolonialschuld und Reparationen wagt. Der indische Kritikerdienst Scroll.in merkte an, diese politischen Töne klängen eher nach „Lippenbekenntnissen“ als nach einem ernsthaften Versuch, historisches Unrecht durch das Prisma eines Abenteuerfilms zu betrachten.
Hinter der Kamera vollzieht sich ein markanter Wechsel. Nach zwei Filmen unter Harry Bradbeer übernahm Philip Barantini die Regie, der mit dem Echtzeitdrama „Adolescence“ internationale Anerkennung fand. Barantini selbst beschrieb seinen Ansatz gegenüber Deadline als den Versuch, für das Franchise das zu tun, „was Harry Potter und der Gefangene von Askaban für die Harry-Potter-Reihe getan hat“ – eine tonale Wende ins Düstere. Die ersten Kritikerstimmen auf Rotten Tomatoes spiegeln diese Neuausrichtung gespalten wider: Während Julian Roman von MovieWeb einen „raffinierteren, mit gewalttätigen Wendungen und reifen Themen aufgeladenen“ Film lobt, vermisst William Bibbiani von The Wrap die „Energie und Persönlichkeit“ der Vorgänger. Mit 73 Prozent positiver Kritiken bei noch geringer Stichprobe bewegt sich der Film in einem Zwischenreich, das weder die 91 Prozent des Erstlings noch die 93 Prozent des zweiten Teils erreicht.
Für Netflix ist die Reihe dennoch ein verlässlicher Publikumsmagnet. Der erste Teil verzeichnete in der Pandemie 1,165 Milliarden gesehene Minuten in der Debütwoche, der zweite übertraf dies mit 64 Millionen gestreamten Stunden in nur drei Tagen. Die Frage nach einer vierten Fortsetzung stellt sich daher fast automatisch, auch wenn der Streamingdienst frühestens nach vier bis acht Wochen über Verlängerungen entscheidet. Das Ende des dritten Films gibt darauf eine ambivalente Antwort: Enola sagt, „jede gute Geschichte endet mit einer Hochzeit“ – ein Satz, der sich ebenso auf diesen einen Fall wie auf ihre gesamte Erzählung beziehen könnte. Das versunkene Schiff aber, stumm und ohne Erklärung, bleibt als Bild zurück und öffnet einen Raum, den kein Abspann schließt.
| Atlantische / angloamerikanische Presse | +0.20 | neutral |
|---|---|---|
| Lateinamerikanische Presse | −0.10 | neutral |
| Indische & südasiatische Presse | 0.00 | neutral |
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