
„Euphoria“-Finale bringt Rekord – doch die Serie wirkt bereits vergeistigt
Dritte Staffel endet mit 93-minütiger Folge wie „The Wire“. Gleichzeitig mehren sich Kritiken an veralteter Ästhetik und fragwürdiger Darstellung von Sexarbeit.
HBOs Erfolgsserie „Euphoria“ wird mit einem Paukenschlag enden: Das Serienfinale der dritten Staffel soll eine Spielzeit von einer Stunde und 33 Minuten erreichen und damit einen Rekord der Sendergeschichte einstellen, den bislang nur „The Wire“ hielt. Aus Hollywoods Sicht ist dies ein klares Bekenntnis zum formatsprengenden Ambitionsniveau der von Sam Levinson geschaffenen Teenager-Dramaserie – doch der Vergleich mit dem legendären Polizeiklassiker zeigt auch, wie sehr sich die kulturelle Landschaft in den vier Jahren seit der letzten Staffel verändert hat. Während „The Wire“ als zeitloses Gesellschaftsporträt gilt, wirkt „Euphoria“ heute vielen Beobachtern wie ein grelles Relikt einer vergangenen Internet-Ära.
In den Vereinigten Staaten hat die Serie nicht nur wegen ihrer expliziten Darstellung Aufsehen erregt, sondern auch wegen der wiederholten Forderungen von Sexarbeiterinnen, die auf der Plattform OnlyFans tätig sind. Sie kritisieren, dass die Handlung um die Figur Cassie Howard, die sich in Kostümen wie einem Baby oder einem Hund für Abonnenten produziert, schädliche Klischees über die Branche verbreite und Inhalte zeige, die auf der echten Plattform gar nicht erlaubt seien. Die Schauspielerin Maitland Ward, selbst ehemalige Pornodarstellerin, nannte die Darstellung „jenseits aller Grenzen“ und beklagte, dass die Serie den Eindruck erwecke, Sexarbeiterinnen fehle jeder moralische Kompass. Diese Debatte, die vor allem in sozialen Netzwerken tobt, stellt die Macher vor die Frage, ob der inszenierte Schockwert noch zeitgemäß ist oder längst in kulturelle Verantwortungslosigkeit umgeschlagen ist.
Parallel zu den inhaltlichen Kontroversen ist ein tiefer liegender Wandel im Publikumsempfinden zu beobachten. Was bei ihrer Premiere 2019 als futuristisch, mit blauen Lichtfiltern und glitzernden Make-up-Looks, galt, wirkt heute für viele Zuschauer bereits altmodisch. Die Ästhetik, die damals Maßstäbe setzte, sei von der sich rasant drehenden Internetkultur überholt worden, analysieren Medienwissenschaftler. Nicht einmal die Stars der Serie – Zendaya, Sydney Sweeney und Jacob Elordi, die seither zu den gefragtesten Namen Hollywoods aufgestiegen sind – könnten verhindern, dass die Serie als „post-watershed aesthetic relic“ wahrgenommen werde. In Europa, wo der Drogen- und Beziehungskosmos von „Euphoria“ stets mit einer gewissen Distanz verfolgt wurde, verstärkt sich der Eindruck, dass die Serie ihren Zeitgeist-Vorsprung verspielt hat.
Die letzte Staffel hat zudem für heftige Diskussionen über die Grenzen des Zeigbaren gesorgt. In einer Szene, in der Sweeneys Figur Cassie vor der Kamera einen Vibrator benutzt, getragene Unterwäsche versendet und den eigenen Zeh lutscht, sahen viele Kritiker einen neuen Tiefpunkt. Auf Plattformen wie X häufen sich Kommentare, die sich fragen, ob die Gage die ständigen Nacktauftritte rechtfertige. Die Macher scheinen bewusst auf Provokation zu setzen, um die Aufmerksamkeit zurückzugewinnen – doch eine Fan-Theorie, wonach die Hauptfigur Rue Bennett in den letzten Folgen sterben könnte, deutet auf einen radikalen Schlussstrich hin. Ob Levinson die Serie damit würdig abschließt oder den kulturellen Anschluss endgültig verpasst, wird sich zeigen, sobald der letzte Vorhang fällt.
| Atlantische / angloamerikanische Presse | −0.30 | critical |
|---|---|---|
| Lateinamerikanische Presse | −0.20 | neutral |
Die dritte Staffel von Euphoria wird einen HBO-Quotenrekord aufstellen und damit The Wire einholen, doch die Serie wirkt kulturell überholt. Einst ästhetische und narrative Avantgarde, erscheint sie heute wie ein Relikt einer vergangenen Ära, während die Welt bereits weitergezogen ist. Der Niedergang wird eher dem Wandel der Zeit als internen Produktionsmängeln zugeschrieben.
Die dritte Staffel von Euphoria konzentriert sich auf Rues möglichen Tod, die von ihrem Boss lebendig begraben wird – eine brutale Szene, die an koloniale Foltermethoden erinnert. Die Episode endet genau in dem Moment, als der Henker zuschlagen will, und lässt die Fans im Ungewissen. Die Erzählung betont extreme Gewalt und das ungewisse Schicksal der Protagonistin und löst Alarm und Empörung beim Publikum aus.
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