
EZB und Bank von England halten Zinsen trotz Inflationssprung durch Iran-Krieg
Die europäischen Notenbanken haben sich in dieser Woche für Stabilität entschieden, doch die Ruhe trügt. Die Europäische Zentralbank beließ ihre Leitzinsen am Donnerstag zum siebten Mal in Folge auf dem Niveau von 2,0 Prozent für den Einlagensatz, während die Bank von England den britischen Leitzins bei 3,75 Prozent hielt. Beide Entscheidungen waren von den Märkten erwartet worden, doch der Kontext hat sich binnen weniger Wochen grundlegend verschärft.
Aus Frankfurter Sicht ist die Lage vor allem von einem exogenen Schock geprägt: Die Kampfhandlungen im Nahen Osten, insbesondere die faktische Blockade der Straße von Hormus, haben die Rohölpreise über 100 Dollar je Fass getrieben und treiben nun die Inflation in der Eurozone merklich an. Im April stieg die Teuerung auf 3,0 Prozent, nach 2,6 Prozent im März – eine spürbare Abweichung vom Zwei-Prozent-Ziel der Währungshüter. Aus Londoner Perspektive ist die Bedrohung nicht minder ernst: Die britische Inflationsrate lag im März bereits bei 3,3 Prozent, und die Bank von England warnte in ihrem Begleittext ungewöhnlich deutlich, dass die Energiepreise die Teuerung im Jahresverlauf auf über 6 Prozent treiben könnten, sollte der Ölpreis auf 130 Dollar steigen und dort verharren.
Beide Zentralbanken betonten, dass die geldpolitischen Wirkungen derzeit kaum zu kalkulieren seien, weil es sich um einen angebotsseitigen Schock handle, dessen Dauer und Intensität niemand prognostizieren könne. Christine Lagarde, die Präsidentin der EZB, stellte klar, dass die Richtung weiterer Zinsschritte zwar grundsätzlich feststehe – der Kampf gegen die Inflation habe Vorrang –, doch könnten „enorme Veränderungen“ jederzeit eine Anpassung erzwingen. Für den deutschsprachigen Raum, allen voran für Deutschland, Österreich und die Schweiz, die als rohstoffarme Volkswirtschaften besonders empfindlich auf Energiepreisschübe reagieren, verschärft sich damit der Zielkonflikt zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturstützung.
Zwar zeigte sich die Wirtschaft in den vergangenen Quartalen noch widerstandsfähig, doch die jüngsten Daten aus Italien, wo die Inflation im April von 1,7 auf 2,8 Prozent schnellte, deuten auf einen flächendeckenden Preisdruck hin, der über die reinen Energiekosten hinauszugreifen droht. Die Märkte rechnen nun mit einer möglichen Zinserhöhung im Juni, sobald die neuen Projektionen der EZB ein klareres Bild der Übertragungseffekte liefern. Inzwischen mahnte die EZB die Regierungen, etwaige Hilfen für Haushalte und Unternehmen strikt befristet und zielgerichtet zu halten, um eine Lohn-Preis-Spirale zu vermeiden.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Notenbanken ihre abwartende Haltung durchhalten können – oder ob der Krieg am Golf sie zu einer Kehrtwende zwingt, die die Konjunktur in eine Rezession stürzen könnte.
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