
Geburtenraten im freien Fall: Kanada, Italien und die USA vor demografischer Zäsur
Die Fertilitätsrate sinkt in Kanada auf 1,25, in Italien auf 1,14, in den USA auf 1,6. Die Politik steht vor schwer lösbaren strukturellen Hürden.
Die Zahl der Geburten fällt in den westlichen Industriestaaten auf historische Tiefststände, und die Regierungen wirken zunehmend ratlos. Aus nordamerikanischer Sicht ist die Lage besonders dramatisch: Kanada verzeichnete 2024 mit 1,25 Kindern pro Frau einen Wert, der das Land nun neben Japan und Singapur auf die Liste der ultra-low-fertility-Länder setzt. Die USA liegen mit 1,6 zwar noch etwas höher, aber auch dort ist die allgemeine Fruchtbarkeitsrate seit dem letzten Höchststand von 2007 um 23 Prozent gesunken. Junge Frauen unter vierzig Jahren haben mehrheitlich noch keine Kinder – ein Indiz für eine grundlegende Verschiebung von Familienentscheidungen, die sich nicht allein mit Konjunkturzyklen erklären lässt.
In Italien zeigen die jüngsten Daten des Save-the-Children-Berichts „Le Equilibriste“ eine noch prekärere Lage: Die Geburtenzahl fiel 2025 auf etwa 355 000, ein Minus von 3,9 Prozent in einem Jahr, die Fertilitätsrate liegt nun bei 1,14. Bemerkenswert ist die Arbeitsmarktsituation: Nur 58,2 Prozent der Mütter mit Kindern im Vorschulalter sind erwerbstätig, die mütterliche Beschäftigungsquote ist in allen Regionen Italiens gesunken. Junge Frauen unter dreißig Jahren sind besonders betroffen – fast jede vierte zwischen 25 und 34 gibt an, die Arbeitsbedingungen erlaubten kein Kind. Der Preis der Mutterschaft wird individualisiert, die strukturelle Lücke zwischen Kinderbetreuung und Karriere bleibt unüberbrückt.
Beobachter in Washington und Ottawa betonen, dass die Ursachen tiefer liegen als in der aktuellen Wirtschaftslage. Wohnungsknappheit, unsichere Arbeitsverträge und die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit wirken als dauerhafte Hemmnisse. Die amerikanische Debatte hat sich inzwischen von verzweifelten Baby-Bonus-Vorschlägen gelöst und fragt stattdessen, wie eine alternde Gesellschaft gelingen kann: Die Zahl der über 65-Jährigen wird in den USA bis 2040 von einem auf fast ein Fünftel der Bevölkerung steigen. Eine Rückkehr zu hohen Geburtenraten sei nicht realistisch, so der Tenor, vielmehr müssten Sozialsysteme und Arbeitsmärkte grundlegend neu justiert werden.
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz sind diese Entwicklungen von unmittelbarer Relevanz. Die Fertilitätsraten liegen hierzulande mit rund 1,5 bis 1,6 ebenfalls unter dem Bestandserhaltungsniveau, und die gleichen strukturellen Probleme – teure Kinderbetreuung, stagnierende Reallöhne, Wohnungsmangel – prägen die Lage. Der italienische Fall zeigt, wie schnell positive Trends am Arbeitsmarkt an den Familien vorbeigehen können, wenn die Unterstützungssysteme nicht mitwachsen. Die demografische Krise ist keine Fata Morgana, aber sie muss nicht in einen Alarmismus münden. Die entscheidende Frage ist, ob es gelingt, Gesellschaften so zu gestalten, dass sie mit weniger Geburten, aber höherer Produktivität und besserer Integration älterer sowie zugewanderter Arbeitskräfte bestehen können. Ein neuer Babyboom wird ausbleiben – die Anpassung an das neue Normal hingegen hat gerade erst begonnen.
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