
Im Schatten des Kastanienbaums: Ein Besuch im filmischen Macondo
Auf einem kolumbianischen Set, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lässt, entsteht die zweite Hälfte der Netflix-Adaption von Gabriel García Márquez’ Jahrhundertroman.
Vor dem Kastanienbaum im Herzen des Hauses der Buendía bleibt der Besucher stehen und fragt sich unwillkürlich: War es also hier, wo Úrsula einst José Arcadio anband, um seinen Wahn zu hüten? In diesem Moment, so schildert es eine Reporterin von El Colombiano, vergisst man, auf einem Filmset zu stehen. Man fühlt sich wie eine flüchtige Bekannte Úrsula Iguaráns, die zufällig vorbeikommt, um den Ort der Tragödie zu sehen. Es ist leicht, auf diesem monumentalen Macondo, das Netflix für die Verfilmung von Hundert Jahre Einsamkeit errichten ließ, den Sinn für die Wirklichkeit zu verlieren.
Anders als bei anderen Literaturverfilmungen wurde hier ein ganzes Dorf gebaut, das selbst zur Hauptfigur wird. Auf 56 Hektar – fast der Fläche eines großen Sportkomplexes – entstand in neun Monaten eine Welt, die seit drei Jahren ständig umgestaltet wird. 1.200 Menschen arbeiten an jedem Detail, 500 allein im künstlerischen Team. Sechzig Schneider fertigten 70.000 Kostümteile, ein Gärtnerteam pflanzte über 20.000 Gewächse und bewässerte selbst die Gräser am Straßenrand von Hand, um sie vor der Dürre zu schützen. Die Straßennamen sind Hommagen an García Márquez’ Familie: die Calle Mercedes für seine Frau, die Calle Sara Emilia für eine entfernte Verwandte, die Liebesbriefe überbrachte, und die Calle Margot für die uneheliche Tochter des Großvaters, die den Kalk von den Wänden aß und Rebeca inspirierte.
Die zweite und letzte Staffel der Serie, die ersten sieben Episoden ab dem 5. August, die letzte am 26. August, wird auf Netflix mit großer Spannung erwartet. Der erste Teil war im Dezember 2024 gestartet und hatte trotz einiger Freiheiten gegenüber der Vorlage sofort weltweiten Erfolg. Nun rückt der Fortschritt in Macondo ein, die Spannungen zwischen den Generationen wachsen, und die utopische Stadt am Flussufer wandelt sich. Catherine Rodríguez, die Kostümverantwortliche, spricht von der Herausforderung, ein Karibikgefühl zu erschaffen, das sich „real und authentisch“ anfühlt, obwohl historische Quellen oft fehlen. Die Masken des Karnevals von Macondo etwa erinnern an Elefantenmasken der Bamileke in Kamerun – eine ethnografische Spur, die den kolumbianischen Karibikraum mit seinen afrikanischen Wurzeln verbindet.
So wird das Set zur begehbaren Erzählung. Der Blutstropfen José Arcadios zieht sich noch immer bis in die Küche mit den Kupfertöpfen, Melquíades’ Werkstatt steht unberührt, als hätte er gerade die goldenen Fischchen poliert, und draußen liegt die Bahnstation, an der 1928 die Bananenarbeiter niedergeschossen wurden. Wer sich darauf einlässt, wird zum Statisten in einem Metaversum des magischen Realismus, in dem die Grenze zwischen dem Erfundenen und dem Gebauten so dünn ist wie das Papier, auf dem die Geschichte einst begann.
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Ich trete auf das Set und der Roman wird lebendig. Netflix hat Macondo so sorgfältig aufgebaut, dass ich mich in García Márquez' Fantasie fühle. Das ist die Adaption, auf die wir gewartet haben.
Durch die Verwendung einer persönlichen, sinnlichen Erzählung des Rundgangs durch das Set macht der Artikel die Nachbildung authentisch und emotional ansprechend und vermeidet jede kritische Analyse.
Die Erzählung lässt jede Erwähnung des politischen Subtextes des Romans oder der Debatten über die Treue der Adaption aus.
Die Serie wird im August-Kalender platziert, ein Eintrag unter vielen. Ihr literarisches Erbe hebt sie nicht von anderen Neuerscheinungen ab.
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