
Jensen Huang kritisiert faule Ausreden: Wie Unternehmen weltweit KI für Entlassungen instrumentalisieren
Der Nvidia-Chef nennt die Verbindung von KI und Jobabbau „faul“ – dabei belegen Daten aus Russland, China und den USA einen Trend, der nun auch europäische Arbeitsmärkte erreichen könnte.
Die schärfste Kritik am neuen Kostensenkungsnarrativ kommt aus dem Epizentrum der Künstlichen Intelligenz selbst. Jensen Huang, Vorstandschef des Chipdesigners Nvidia, hat Unternehmenslenker, die Entlassungen mit dem Aufstieg von KI begründen, der Bequemlichkeit bezichtigt. „Das Narrativ, das KI mit Jobverlusten verbindet, ist für viele Vorstandsvorsitzende schlicht zu faul“, sagte Huang dem singapurischen Sender Channel NewsAsia. Es ergebe keinen Sinn, Kürzungen vor der breiten Nutzbarkeit generativer Werkzeuge auf diese zurückzuführen – man habe schon vor zwei Jahren Stellen abgebaut, während KI erst seit sechs Monaten wirklich produktiv sei. Manche Führungskräfte schöben die Schuld auf die Technologie, „um klug zu klingen“, so Huang. Der Einwand des Branchenpioniers legt einen Widerspruch offen, der über das Silicon Valley hinausreicht.
Tatsächlich mehren sich weltweit die Fälle, in denen Konzerne den Umbau ihrer Belegschaft mit einer KI-Strategie verknüpfen. Aus Washingtoner und New Yorker Sicht hat sich eine bemerkenswerte Rhetorik etabliert: Microsoft-Chef Satya Nadella sprach bei der Streichung von 15.000 Stellen nicht von Restrukturierung, sondern davon, „Ressourcen für KI umzuschichten“. Gleiche Formulierungen tauchten bei Intel, Oracle, Workday, Dell und Intuit auf. Der Versicherer Chubb bezifferte den geplanten Personalrückgang durch schrittweisen Ersatz von Menschen durch KI auf bis zu 20 Prozent in drei bis vier Jahren. In Moskau wiederum erklärte Sberbank-Chef Herman Gref, KI „wähle die Ineffizienten aus“ – die größte russische Bank strich binnen eines Jahres 13.500 Stellen.
Ein besonders drastisches Beispiel aus Peking liefert Alibaba: Der Onlinehändler beendete das Jahr 2025 mit 128.197 Beschäftigten, nach 194.320 im Vorjahr – ein Drittel der Belegschaft wurde abgebaut, während sich das Unternehmen zur „vollwertigen KI-Firma“ umbaute. Diese Zahlen entstammen einer Analyse der Jahresberichte von 803 börsennotierten Unternehmen aus dem S&P-500-Umfeld, die das russische Wirtschaftsmagazin Forbes vorlegte. Hinzu kommen kommunikative Entgleisungen wie jene von Bill Winters, Chef der Standard Chartered Bank, der von „minderwertigem Humankapital“ sprach, das durch finanzielles und Investitionskapital ersetzt werde. Nach öffentlicher Kritik entschuldigte sich Winters zwar, doch der Vorfall reiht sich ein in eine Serie missglückter Krisenkommunikation.
Für den deutschsprachigen Raum ist dieser globale Trend ein Warnsignal. Auch hierzulande experimentieren Konzerne mit KI-gestützter Prozessautomatisierung, und die Versuchung, betriebsbedingte Kündigungen als Modernisierungsschub zu verkaufen, wächst. Anders als in den USA oder China setzen die Arbeitsverfassungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz jedoch enge Grenzen. Die Diskrepanz zwischen Huangs technologieoptimistischer Prognose – wonach KI zunächst neue Aufgaben schaffe – und der betriebswirtschaftlichen Realität vieler Unternehmen könnte die Sozialpartnerschaft vor eine Zerreißprobe stellen. Wie glaubwürdig die KI-Erzählung am Ende ist, wird sich daran messen lassen, ob die freigesetzten Ressourcen tatsächlich in zukunftsträchtige Bereiche fließen oder lediglich die Bilanzen schönen.
| Atlantische / angloamerikanische Presse | −0.40 | critical |
|---|---|---|
| Russische & GUS-Presse | −0.85 | critical |
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.55 | critical |
Nvidias Chef tut faule Ausreden ab, mit denen Führungskräfte Entlassungen auf KI schieben. PR-Experten raten, entwürdigende Begriffe zu vermeiden und einzuräumen, dass der Stellenabbau strategische Entscheidungen widerspiegelt, nicht den plötzlichen Nutzen generativer KI.
Der zynische Einsatz von KI als Vorwand für Massenentlassungen wird zur globalen Unternehmensnorm. Die Chefs von Microsoft, Intel, Oracle und der Sberbank erfinden Euphemismen, um Investoren zu beruhigen, während künstliche Intelligenz zum Mittel wird, „Ineffiziente“ auszusortieren und Belegschaften Stück für Stück zu schrumpfen.
Der von Jensen Huang ausgelöste Streit legt den Konflikt zwischen Aktionärswert und sozialer Verantwortung offen. In Europa wächst der Druck auf die Regierungen, klare Regeln zu schaffen: Künstliche Intelligenz darf nicht zum Deckmantel für Stellenabbau werden, der den sozialen Zusammenhalt und die Kaufkraft der Arbeitnehmer untergräbt.
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