
Kolumbiens Schicksalswahl zwischen Gewalt und Polarisierung
Vor der Präsidentschaftswahl am 31. Mai bedrohen Drohnenangriffe und politische Anfeindungen den Urnengang. Das linke Lager bündelt Kräfte, während die Opposition auf internationale Unterstützung setzt.
In Kolumbien geht die Bevölkerung am kommenden Sonntag inmitten einer beispiellosen Sicherheitskrise zur Wahl. In mehreren Landesteilen haben Drohnenangriffe auf Polizeistationen, wie in Potrerito im Südwesten, die Angst der Wähler derart geschürt, dass viele den Weg zur Urne scheuen. Nach Angaben der Wahlbeobachter wurden im Wahlkampf mehr als 400 Angriffe auf Kandidaten und politische Aktivisten verübt. Das Militär reagierte mit der Aktivierung des „Plan Democracia 2026“, der den Einsatz von 228.000 Soldaten zu Land, zu Wasser und in der Luft vorsieht, um den Urnengang zu sichern. Die Gewalt geht vor allem von jener Splittergruppe der ehemaligen FARC-Rebellen aus, die das vor einem Jahrzehnt geschlossene Friedensabkommen ablehnt – ein Vertrag, dessen Umsetzung auch die Europäische Union maßgeblich mitfinanziert hat.
Inmitten dieser angespannten Lage verdichtet sich das politische Kräftefeld. Der linke Kandidat Iván Cepeda, der für das Regierungsbündnis Pacto Histórico antritt, erhielt kurz vor dem ersten Wahlgang einen weiteren prominenten Zuspruch: Der ehemalige Gouverneur von Magdalena, Carlos Caicedo, zog seine eigene Bewerbung zurück und schloss sich Cepeda an. Es ist bereits die dritte bedeutende Adhäsion nach Clara López und Luis Gilberto Murillo. Unterstützt wird Cepeda zudem offen von Staatspräsident Gustavo Petro, der ein Video vom Wahlkampfabschluss seines politischen Ziehsohns in Barranquilla verbreitete – eine Einmischung, die bei der Opposition scharfe Kritik hervorrief, weil sie die Grenzen des Amtsverständnisses überschreite.
Das konservative Lager versucht derweil, mit eigenen Symbolen Stärke zu zeigen. Die Kandidatin Paloma Valencia, die in den Umfragen an dritter Stelle hinter Cepeda und dem konservativen Abelardo de la Espriella liegt, traf sich in Panama mit der Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado, um sich der internationalen Unterstützung für Demokratie und Freiheit zu versichern. Valencia ist Teil einer historischen Konstellation: Gleich drei Frauen mit gewichtigen Kandidaturen – neben ihr Edna und Claudia – streben ins Präsidentenamt, das bislang nie eine Frau bekleidete. Ihre Programme könnten kaum gegensätzlicher sein, doch sie alle verändern das Gesicht der kolumbianischen Politik.
Aus Sicht lateinamerikanischer Beobachter in Buenos Aires und Santiago spiegelt dieser Wahlkampf die tiefe Polarisierung wider, die den gesamten Subkontinent erfasst hat. Der Urnengang wird voraussichtlich in eine Stichwahl münden, in der dann die beiden Lager aufeinandertreffen, die für unvereinbare Gesellschaftsentwürfe stehen. Unabhängig vom Ausgang wird die nächste Regierung vor der doppelten Aufgabe stehen, die innere Sicherheit wiederherzustellen und den brüchigen Friedensprozess mit den verbliebenen bewaffneten Gruppen neu zu beleben. Dass die Wähler dabei mehrheitlich den Gang zur Urne riskieren, ist angesichts der Bedrohungslage keine Selbstverständlichkeit – darin liegt die eigentliche Dramatik dieser Schicksalswahl.
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