
Miranda Priestly gegen die Algorithmen: Die Rache des gedruckten Wortes
Fast zwei Jahrzehnte nachdem „Der Teufel trägt Prada“ das Bild der eiskalten Moderedakteurin in das kollektive Gedächtnis brannte, kehrt Miranda Priestly auf die Leinwand zurück – und steht vor einer existentiellen Frage, die weit über die Welt der Laufstege hinausreicht: Was bleibt von einer Institution, wenn ihr Publikum sich in Datenströme auflöst? Die Fortsetzung, die nun in den Kinos anläuft, zeigt die legendäre Chefin der Zeitschrift „Runway“ in einem Medienumfeld, in dem Auflagenzahlen durch Klickraten ersetzt werden und der ersehnte Anruf von Anna Wintour kaum noch jemanden interessiert. Aus Washingtoner Sicht liest sich der Film als Kommentar zum Niedergang des gedruckten Journalismus, ein Thema, das auch in Deutschland und der Schweiz mit Sorge beobachtet wird, wo Traditionshäuser wie die Frankfurter Allgemeine oder die Neue Zürcher Zeitung seit Jahren um ihre digitale Transformation ringen.
Die Handlung spinnt einen raffinierten Bogen: Andy Sachs, einst Mirandas demütigste Assistentin, kehrt nach einer journalistischen Karriere bei der angeschlagenen Zeitschrift zurück – nicht aus freien Stücken, sondern weil die neue Medienökonomie auch die besten Absichten frisst. Beobachter in Peking mögen darin eine Parabel auf den globalen Kampf zwischen etablierter Autorität und disruptiver Technologie erkennen, während die italienische Kritik eine kunstvolle Totenklage auf den Journalismus sieht. Besonders brisant wirkt die zeitgleiche Besetzung des Met-Gala-Vorsitzes durch Jeff Bezos und Lauren Sánchez, die aus New Yorker Perspektive den Siegeszug der Tech-Oligarchen über die alte Garde der Mode symbolisiert – ein Thema, das im Film in der Figur des neuen Digitalchefs Jay (BJ Novak) sein Pendant findet.
Die wahre Pointe aber liegt in der Ambivalenz des Sequels selbst: Es geißelt die Korruption durch Kapital, während es ohne eben jenes Hollywood-Finanzierungssystem nicht existieren könnte. Emily Blunt, die ihre kultige Rolle als geplagte Assistentin wieder aufnimmt, sorgte parallel für Zündstoff, als sie jungen Arbeitnehmern riet, unglückliche Stellen einfach zu kündigen – ein Ratschlag, der in Zeiten von Massenentlassungen wie Hohn klingt. Die Zukunft, so deutet der Film an, gehört nicht mehr den Diktatoren des Geschmacks, sondern den Managern der Aufmerksamkeit.
Ob Miranda Priestly sich am Ende beugt oder die Branche noch einmal umkrempelt, bleibt offen – doch für deutschsprachige Medienhäuser, die zwischen Qualitätsanspruch und Reichweitenlogik lavieren, ist die Botschaft unmissverständlich: Die Macht der gedruckten Stimme schwindet, aber ihr Echo hallt noch nach.
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