
Powell bricht mit Tradition und bleibt als Gouverneur – Spannungen in der Fed nehmen zu
Jerome Powell hat seine letzte Sitzung als Vorsitzender der US-Notenbank mit einer Entscheidung abgeschlossen, die weit über das Übliche hinausgeht. Anders als alle seine Vorgänger seit 75 Jahren wird Powell nach dem Ende seiner Amtszeit am 15. Mai nicht von der Bühne der Federal Reserve abtreten, sondern als einfaches Mitglied des Gouverneursrats bleiben, dem er bis 2028 angehört. Diesen Bruch mit dem institutionalisierten Normalfall begründet er mit einem laufenden Strafverfahren des US-Justizministeriums, das er als politisch motivierten Druckversuch wertet, um ihn zu Zinssenkungen zu bewegen. Aus Washingtons Sicht ist dies ein weiterer Beleg für die zunehmende Polarisierung zwischen der unabhängigen Notenbank und dem Weißen Haus unter Präsident Donald Trump. Doch Powells Schritt hat auch eine institutionelle Dimension: Er verhindert, dass die Administration sofort einen neuen Gouverneur einsetzen kann, und sichert so die Kontinuität in einer Zeit tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten innerhalb des geldpolitischen Ausschusses.
Die letzte, von Powell geleitete Sitzung offenbarte diese Spaltung mit ungewöhnlicher Deutlichkeit. Drei der zwölf stimmberechtigten Mitglieder legten ein abweichendes Votum gegen die bisherige Orientierung auf Zinssenkungen ein – der größte Dissens seit 1992. Die Zinsen blieben unverändert, aber der Richtungsstreit wird nun auf den Nachfolger Kevin Warsh zukommen, den Trump als vermeintlich zinssenkungsfreundlichen Kandidaten ausgewählt hat. Aus Pariser Perspektive betont die französische Wirtschaftspresse, dass Warsh keineswegs freie Hand haben werde, weil die innere Widerstandskraft der Fed gegen politische Einflussnahme intakt sei. Diese Einschätzung wird von Beobachtern in Teheran geteilt, die in Powells Karriere eine Lektion über die Grenzen politischen Drucks auf unabhängige Zentralbanken sehen. Die iranische Tageszeitung „Donya-e Eqtesad“ hebt hervor, dass Powell in einem der angespanntesten Jahrzehnte der US-Geldpolitik durch Entscheidungen von mutigen Zinserhöhungen bis zu späten Umkehrschritten einen gemischten, aber letztlich stabilisierenden Kurs gefahren habe.
Für die Finanzmärkte stellt sich die Lage kompliziert dar. Anleger hatten auf einen milderen Ton unter Warsh gehofft, doch die internen Querelen deuten auf einen holprigeren Pfad für Zinssenkungen hin. Aus Londoner Sicht analysiert die „Financial Times“, dass Powell trotz seines Rückzugs aus dem Vorsitz als Gouverneur ein „niedriges Profil“ wahren wolle, aber allein durch seine Anwesenheit ein politisches Symbol bleibe. Die mexikanische Zeitung „El Financiero“ würdigt Powells Vermächtnis als eines der differenziertesten der jüngeren Notenbankgeschichte: Er habe die Inflation nach der Pandemie zunächst unterschätzt, dann aber mit beispielloser Aggressivität bekämpft und damit die Glaubwürdigkeit der Fed gestärkt. In die Zukunft blickend wird der Konflikt zwischen Trumps Wunsch nach billigem Geld und der fachlichen Skepsis vieler Notenbanker wohl das bestimmende Thema der neuen Ära sein – eine Spannung, die Powell durch seinen Verbleib noch verstärkt.
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