
Powell trotzt Trump: Fed-Chef bleibt als Gouverneur – Zinsentscheid mit Rekorddissens
Jerome Powell hat für die wohl letzte Überraschung seiner Amtszeit gesorgt. Der scheidende Vorsitzende der US-Notenbank kündigte an, nach dem Ende seiner Amtszeit am 15. Mai als einfaches Mitglied im Gouverneursrat zu bleiben – und zwar so lange, wie er es für angemessen halte. Zur Begründung verwies Powell auf die beispiellosen rechtlichen Angriffe der Trump-Administration, die die Unabhängigkeit der Federal Reserve gefährdeten. Der Schritt ist eine ungewöhnliche Abkehr von der Konvention, die dem Nachfolger üblicherweise freie Bahn lässt, und wird aus dem Weißen Haus als Affront gewertet. Finanzminister Scott Bessent sprach gar von einer „Beleidigung“ für den designierten Nachfolger Kevin Warsh, dessen Nominierung am selben Tag die entscheidende Hürde im Bankenausschuss des Senats nahm – mit 13 zu 11 Stimmen strikt entlang der Parteigrenzen.
Parallel dazu hielt die Fed den Leitzins zum dritten Mal in Folge unverändert in der Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent. Die Entscheidung fiel mit vier Gegenstimmen – dem stärksten Dissens innerhalb des Offenmarktausschusses seit Oktober 1992. Drei Mitglieder lehnten die Formulierung ab, die eine künftige Zinssenkung andeutet, während Stephen Miran für eine sofortige Lockerung votierte. Die Spannungen spiegeln die tiefe Zerrissenheit wider, die durch den Krieg im Nahen Osten und die daraus resultierenden Energiepreissprünge noch verschärft wird. Powell räumte ein, die Inflation bewege sich „ein wenig in die falsche Richtung“ und liege nun bei rund 3,2 Prozent, während die geopolitischen Risiken jede Prognose erschwerten.
Aus Sicht der Finanzmärkte, die eine 100-prozentige Wahrscheinlichkeit für ein Festhalten der Zinsen eingepreist hatten, bleibt die Unsicherheit der entscheidende Faktor. Beobachter in Peking und europäischen Hauptstädten verfolgen die Vorgänge mit Sorge: Ein geschwächtes, politisiertes Fed könnte die globale Konjunktur zusätzlich belasten. Für den Euroraum bedeuten höhere US-Zinsen einen starken Dollar, was Exporte verteuert und die ohnehin fragile Erholung in Deutschland und Österreich erschwert. Die Schweizerische Nationalbank wiederum, die bereits früher als die EZB Zinssenkungen signalisierte, sieht sich mit einem außergewöhnlichen Umfeld konfrontiert.
Blickt man nach vorn, zeichnet sich ein historischer Machtkampf ab. Warsh, ein ehemaliger Fed-Gouverneur und Trump-Vertrauter, hat zwar im Bestätigungsverfahren geschworen, die Unabhängigkeit zu wahren, doch der Druck aus dem Weißen Haus auf rasche Zinssenkungen wird nicht nachlassen. Powells Verbleib im Gouverneursrat entzieht Trump die Möglichkeit, den Posten mit einem Gefolgsmann zu besetzen – und sichert dem scheidenden Vorsitzenden eine fortgesetzte Rolle im innenpolitischen Ringen um die Geldpolitik. Wie lange Powell durchhalten wird, ist offen; er selbst sagte, er werde gehen, wenn es an der Zeit sei. Bis dahin bleibt die Fed eine Bühne für den Konflikt zwischen politischer Pragmatik und institutioneller Integrität.
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