
Russland erwägt drastische Senkung der Toleranzgrenze: Tempokontrollen im globalen Vergleich
Aus Moskauer Sicht zeichnet sich eine der folgenreichsten Veränderungen im russischen Verkehrsrecht seit Jahren ab: Die Leitung des Zentrums für Verkehrsorganisation (ZODD) hat vorgeschlagen, den nicht bußgeldbewehrten Toleranzbereich bei Geschwindigkeitsüberschreitungen von derzeit 20 auf lediglich zwei bis drei Kilometer pro Stunde zu senken. Technisch seien die modernen Kameras dafür längst gerüstet, ihre Messgenauigkeit liege bei einem Kilometer pro Stunde, betonte ZODD-Chef Michail Kisljak. Das Innenministerium und die Regierung müssten nun entscheiden. Der Vorstoß ist bemerkenswert, denn er würde Russland in die Spitzengruppe der restriktivsten Staaten katapultieren – und steht in einem auffälligen Kontrast zu Entwicklungen in anderen Regionen der Welt.
In Kalifornien hingegen zeigen sich die Erfolge eines strengen Tempomonitorings auf andere Weise. Ein Jahr nach der Installation von Geschwindigkeitskameras in San Francisco ist die Zahl extremer Raser – definiert als mehr als 16 km/h über dem Limit – um fast achtzig Prozent zurückgegangen. Verkehrsplaner sehen darin einen Beleg dafür, dass die Technologie auch in Los Angeles ähnliche Wirkung entfalten könnte. Die Zahl der Wiederholungstäter sank ebenfalls deutlich. Die Erfahrungen aus San Francisco untermauern, was Fachleute seit Jahren betonen: Dichte und gut sichtbare Kontrollen verändern das Fahrverhalten nachhaltig.
Während Russland und die USA also auf Verschärfung setzen, wählt die kanadische Provinz Alberta einen entgegengesetzten Weg. Auf einem 22 Kilometer langen Abschnitt der vielbefahrenen Autobahn 2 südlich von Leduc gilt nun ein Tempolimit von 120 km/h – der höchste Wert in Alberta und gleichauf mit der Coquihalla-Highway in British Columbia. Verkehrsminister Devin Dreeshen spricht von einem Test, um zu prüfen, ob höhere Geschwindigkeiten auf geteilten Fernstraßen vertretbar sind. Die Maßnahme zeigt, dass die Debatte um das richtige Maß zwischen Mobilität und Sicherheit keineswegs einheitlich geführt wird.
Eine ganz andere Perspektive bietet sich in Australien. Dort fordern Lastwagenfahrer in Westaustralien schärfere Strafen für gefährliche Überholmanöver und das Überfahren durchgezogener Linien. Der Vorsitzende des Verbands der Vieh- und Transportunternehmer, Ben Sutherland, bezeichnet das Verhalten vieler Autofahrer auf Landstraßen als „unfassbar“. Die dortige Straßenverkehrskommission hat eine Überprüfung der Bußgeldkataloge eingeleitet. Der Vorstoß der Trucker lenkt den Blick auf eine Gruppe, die im öffentlichen Diskurs oft übersehen wird: Berufskraftfahrer, die täglich den riskanten Umgang anderer Verkehrsteilnehmer mit den Regeln ertragen müssen.
Was bedeuten diese unterschiedlichen Ansätze für den deutschsprachigen Raum? In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Toleranzgrenze bereits vergleichsweise niedrig – in Deutschland beträgt sie innerorts drei km/h, außerorts drei Prozent. Eine weitere Absenkung, wie in Russland diskutiert, wäre hier kaum mehrheitsfähig, weil die technische und rechtliche Grundlage schon eng ist. Dennoch zeigt der internationale Vergleich, dass die Frage nach dem optimalen Grenzwert keine rein technische, sondern eine politische ist. Während Russland mit einer Null-Toleranz-Rhetorik die Zahl der Verkehrstoten weiter senken will – die ist laut ZODD von 888 auf unter 300 pro Jahr gefallen –, experimentiert Kanada mit mehr Freiheit. Die kommenden Monate werden weisen, ob die Signale aus San Francisco und Alberta die Debatte in Europa beeinflussen. Fest steht: Die Diskussion um Geschwindigkeitskontrollen bewegt sich jenseits nationaler Grenzen und wird zunehmend von empirischen Daten getrieben.
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