
Russlands Sicherheitsparadox: Kriminalität sinkt, doch Terroranschläge verdoppeln sich
In einer widersprüchlichen Bilanz zur inneren Sicherheit hat Russlands Generalstaatsanwalt Alexander Guzan für das Jahr 2025 einen historischen Tiefstand der allgemeinen Kriminalität vermeldet, zugleich aber eine Verdoppelung der Terroranschläge beklagt. Während die registrierten Straftaten auf knapp über 1200 pro 100.000 Einwohner sanken – der niedrigste Wert in der modernen Geschichte des Landes –, sei die Zahl terroristischer Akte vor allem durch Drohnen- und Artillerieangriffe in die Höhe geschnellt. Aus Moskauer Sicht ist diese Entwicklung eine direkte Folge der „nacheilenden Aggression“ gegen Russland, womit unmissverständlich der Krieg in der Ukraine gemeint ist.
Die Bedrohungslage manifestiert sich in zwei deutlich unterschiedlichen Bereichen: Einerseits im physischen Raum kritischer Infrastruktur, andererseits im digitalen Raum der Radikalisierung. Guzan kritisierte scharf die als unzureichend bewerteten Schutzmaßnahmen für Energie-, Industrie- und Transportanlagen gegen Drohnenschläge. Zwar seien auf Anordnung der Staatsanwaltschaften Perimeter verstärkt und Systeme zur elektronischen Kampfführung beschafft worden, doch die anhaltenden Angriffe verursachten weiterhin erheblichen Schaden. Diese Einschätzung unterstreicht die Verwundbarkeit des riesigen Landes gegenüber asymmetrischen Warfare-Methoden.
Parallel dazu offenbart der Bericht eine besorgniserregende Entwicklung im sozialen Gefüge. Die Zahl der mit Terrorismus und Extremismus in Verbindung gebrachten Minderjährigen habe sich binnen eines Jahres verdoppelt, wobei die Anwerbung primär über das Internet erfolgte. In diesem Kontext verhinderte die Polizei in 29 Regionen beinahe 50 geplante bewaffnete Angriffe auf Bildungseinrichtungen. Guzan warnte davor, Prävention auf veralteten Standards aufzubauen, und signalisierte gesetzgeberischen Handlungsbedarf, um Jugendliche vor destruktivem Online-Inhalt zu schützen – ein Vorhaben, das in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihren eigenen Debatten um Regulierung und Jugendschutz im Netz aufmerksam verfolgt werden dürfte.
Aus der Perspektive westlicher Sicherheitsexperten stellt sich die Lage als klassisches Sicherheitsdilemma dar: Die militärische Eskalation nach außen kehrt als verstärkte terroristische Bedrohung im Innern zurück. Für die deutschsprachigen Staaten, die bereits mit den Folgen des Krieges für Energieversorgung und politische Stabilität ringen, ist diese Entwicklung ein Indikator für eine mögliche weitere Destabilisierung der Region. Die vorgeschobene Einheit von äußerer und innerer Sicherheit in der russischen Rhetorik lässt für die Zukunft keine Entspannung erwarten. Vielmehr deutet alles auf eine weitere Verschärfung der Kontrollmaßnahmen im digitalen Raum und eine fortgesetzte, kostspielige Aufrüstung der kritischen Infrastruktur hin – beides Faktoren, die den gesellschaftlichen Druck in Russland erhöhen und die sicherheitspolitische Gemengelage in Europa weiter verkomplizieren werden.
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