
Trumps Mahnung an Netanjahu: Nur gezielte Schläge im Libanon – Die fragile Waffenruhe auf dem Prüfstand
Aus Washington dringt ein ungewöhnlich deutlicher Appell an die Adresse Jerusalems: Präsident Donald Trump hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu aufgefordert, sich im Libanon auf punktuelle Militäroperationen zu beschränken und eine neuerliche Eskalation zu einem umfassenden Krieg zu vermeiden. In einem Interview mit dem Nachrichtenportal Axios sagte Trump wörtlich, man dürfe keine Gebäude zerstören, dies sei „zu schrecklich“ und schade dem Ansehen Israels. Die Äußerung ist mehr als ein bloßer Ratschlag; sie markiert den Versuch, den israelischen Handlungsspielraum angesichts einer brüchigen Waffenruhe diplomatisch einzuhegen.
Aus Jerusalemer Perspektive steht die Regierung Netanjahu unter doppeltem Druck. Einerseits hat der israelische Generalstab nach dem Scheitern der zehntägigen Feuerpause, die Mitte April vereinbart wurde, auf eine Rückkehr zu einer härteren Gangart gedrängt. Andererseits sind die Waffenstillstandsverhandlungen ins Stocken geraten. israelische Unterhändler haben in Washington um eine Frist von zwei bis drei Wochen gebeten, um die diplomatischen Gespräche mit der libanesischen Regierung zum Abschluss zu bringen. Sollte dies bis Mitte Mai misslingen, erwartet man in Jerusalem grünes Licht für die „Rückkehr zum ursprünglichen Plan“ – eine Formulierung, die eine massive militärische Eskalation in den südlichen Landesteilen nicht ausschließt.
In Beirut hingegen wächst die Sorge vor einem neuerlichen Flächenbrand. Staatspräsident Joseph Aoun beklagte bei einem Treffen mit Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes die anhaltenden israelischen Verstöße gegen das Abkommen. Er sprach von zerstörten Häusern und Gotteshäusern sowie von getöteten Sanitätern. Aoun forderte internationalen Druck auf Israel, die Zivilbevölkerung zu verschonen. Die libanesische Führung steckt jedoch selbst in einer innenpolitischen Zerreißprobe. Parlamentspräsident Nabih Berri, eng verbündet mit der Hisbollah, stellt sich gegen die von Präsident Aoun und Ministerpräsident Nawaf Salam angestrebten direkten Verhandlungen mit Israel. Die Fronten verlaufen quer durch die politischen Lager.
Aus Teheraner Sicht ist die Lage ebenso verworren. Die vom Westen isolierte Führung in Teheran hatte zuvor einen Vorschlag für einen umfassenden Waffenstillstand unterbreitet, der auch eine Lösung in der Straße von Hormus vorsah, bevor das Atomdossier angegangen wird. Trump wies diesen Vorschlag zurück und bekräftigte seine Überzeugung, dass der Sturz der iranischen Führung automatisch das Ende der Hisbollah bedeute. Der vom Westen isolierte Iran bleibt damit weiterhin als strategischer Rückhalt der Miliz im Hintergrund präsent.
Die nächsten Wochen werden entscheidend sein. Washington versucht, durch seine Mahnung Zeit für einen neuen diplomatischen Anlauf zu gewinnen. Doch die Linie zwischen begrenzten Schlägen und einer neuerlichen Militäroffensive ist schmal. Beobachter fürchten, dass die Waffenruhe noch vor der Mitte Mai endgültig kollabieren könnte – es sei denn, es gelingt den Vermittlern, die libanesische und die israelische Seite an einen Tisch zu bringen. Die deutsche und die österreichische Diplomatie, die traditionell enge Beziehungen zu beiden Seiten pflegen, stehen vor der Aufgabe, diesen Prozess zu stützen, bevor das Pulverfass erneut explodiert.
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