
Waffenruhe am Abgrund: Israels Angriffe fordern 14 Tote im Südlibanon
Die fragile Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah ist am Wochenende auf ihre bislang schwerste Belastungsprobe gestoßen. Bei neuen israelischen Luftangriffen auf den Süden des Libanon kamen am Sonntag nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums 14 Menschen ums Leben, unter ihnen zwei Frauen und zwei Kinder; 37 weitere Personen wurden verletzt. Es war der blutigste Einzeltag, seit das von Washington und Paris vermittelte Abkommen vor neun Tagen in Kraft getreten war – eine Vereinbarung, die von Beginn an eher einer defensiven Atempause als einem echten Friedensschluss glich. Premierminister Benjamin Netanyahu hatte bereits in der Nacht zum Sonntag seine Streitkräfte angewiesen, Ziele der proiranischen Miliz „mit Nachdruck“ anzugreifen, und warf der Hisbollah vor, die Waffenruhe systematisch zu untergraben. Wenige Stunden später erließ die israelische Armee Evakuierungsaufrufe für sieben Ortschaften nördlich des Litani-Flusses, also jenseits der zuvor besetzten Pufferzone, und begann mit der Bombardierung von Stellungen, die sie Raketenabschussrampen und Waffendepots zuordnete.
Aus dem Libanon selbst zeichnen Beobachter ein Bild wachsender Verzweiflung. Die nationale Nachrichtenagentur ANI meldete Einschläge in Kfar Tibnit, während aus der Grenzregion aufsteigende Rauchsäulen selbst von nordisraelischen Ortschaften aus zu erkennen waren. Der christliche Politiker Samy Gemayel, Vorsitzender der Kataeb-Partei, brachte die Ausweglosigkeit des Zedernstaates in einem Gespräch mit dem US-Magazin „Newsweek“ auf eine Formel: „Es wird keinen Frieden geben, solange die Israelis noch libanesisches Territorium besetzen, und es wird keinen Frieden geben, solange die Hisbollah noch bewaffnet ist.“ Die Miliz selbst wies ihrerseits jede Verantwortung für den Verfall des Abkommens zurück und erklärte über ihren Fernsehsender Al-Manar, man reagiere lediglich auf anhaltende israelische Verstöße gegen die Souveränität des Landes. Dass die Hisbollah trotz ihrer militärischen Schwächung in den vorangegangenen sechs Kriegswochen weiterhin zu koordinierten Gegenschlägen fähig ist, belegt die fortgesetzte Beschießung israelischer Truppen im Südlibanon, die der Sprecher der Gruppe als legitimen Widerstand gegen Besatzung deklarierte.
Aus Washingtoner Sicht droht der mühsam austarierte diplomatische Rahmen zu zerbrechen, bevor er überhaupt konsolidiert werden konnte. US-Präsident Donald Trump erklärte am Sonntag, er habe es mit einer umfassenden Einigung mit Teheran nicht eilig – eine Signatur jener Unberechenbarkeit, die den außenpolitischen Kurs seiner zweiten Amtszeit kennzeichnet und die traditionellen Alliierten in der Golfregion zunehmend verunsichert. Die am vergangenen Donnerstag zwischen israelischen und libanesischen Unterhändlern in der US-Hauptstadt vereinbarte Verlängerung der Waffenruhe um drei Wochen wirkt angesichts der jüngsten Eskalation bereits überholt. In Moskau und Peking beobachtet man die Entwicklung mit jener eigentümlichen Mischung aus Sorge und strategischem Kalkül, die das Ringen um Einfluss im Nahen Osten seit jeher prägt.
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz, die sich im UNIFIL-Mandat und in vielfältigen humanitären Verpflichtungen im Libanon engagieren, rückt die Gefahr eines Flächenbrandes näher. Die humanitäre Lage, schon vor dem nunmehr auf über 2.500 Todesopfer angewachsenen Konflikt prekär, verschärft sich mit jeder weiteren Evakuierungswelle, während die Aussicht auf eine Rückkehr zur Diplomatie schwindet. Gleichzeitig offenbaren Meinungsumfragen aus Israel tiefe Risse im innenpolitischen Fundament Netanyahus: Zwei Drittel der Bevölkerung sind mit seiner Amtsführung unzufrieden, ein Wert, der seine Handlungsfreiheit sowohl gegenüber dem eigenen Militärestablishment als auch gegenüber internationalen Vermittlern spürbar einschränkt. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Schutzmächte des fragilen Abkommens – allen voran Washington und Paris – den politischen Willen aufbringen, den sich anbahnenden Kollaps der Waffenruhe aufzuhalten, oder ob die Region in jenen Strudel wechselseitiger Vergeltung zurückfällt, der bereits den Frühling des Jahres in einen Sommer der Zerstörung zu verwandeln droht.
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