
Waffenruhe zwischen Israel und Libanon steht vor dem Zusammenbruch – Drohnenangriffe und Vergeltungsschläge eskalieren
Die im April nach jahrzehntelangen direkten Verhandlungen vereinbarte Waffenruhe zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah ist an einem kritischen Punkt angelangt. Während der israelische Luftwaffe und Artillerie nach Angaben libanesischer Behörden binnen eines Tages mindestens 62 Ortschaften im Südlibanon beschossen haben soll, setzt die Hisbollah vermehrt auf eine neue Waffengattung: mit Glasfaserkabel gesteuerte Drohnen, die trotz israelischer Abwehrsysteme tief ins Landesinnere vordringen. Bei einem dieser Angriffe auf eine Militärkolonne nahe der Grenzsiedlung Schomera wurden nach israelischen Militärangaben zwölf Soldaten verletzt; zuvor war bereits ein israelischer Soldat getötet worden.
Aus libanesischer Perspektive wiegt der Vorwurf schwer, Israel habe den Waffenstillstand von Beginn an systematisch untergraben. Staatspräsident Joseph Aoun beklagte gegenüber einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes nicht nur die anhaltenden Luftangriffe, sondern auch die fortdauernde Zerstörung von Wohnhäusern und Gotteshäusern. Der libanesische Gesundheitsminister zählte inzwischen mehr als hundert getötete Angehörige des Gesundheitswesens.
Die Hisbollah rechtfertigt ihre Drohnenoperationen als Reaktion auf diese „permanenten Verletzungen“ des Abkommens. Beobachter in Washington sind zunehmend alarmiert: Nach Informationen der libanesischen Tageszeitung An-Nahar hat US-Präsident Donald Trump den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu aufgefordert, die Schläge in Libanon zu begrenzen. Aus israelischer Sicht wiederum ist die Lage unhaltbar: Die Führung in Jerusalem spricht von einem echten Abnutzungskrieg im Norden.
Verteidigungsminister Jisrael Katz berief eine Krisensitzung ein, um über die weitere Strategie zu beraten. Die Gefahr einer neuen Eskalation ist auch für die deutschsprachigen Länder von unmittelbarer Relevanz. Sollte der Waffenstillstand endgültig scheitern, droht nicht nur eine neuerliche Welle von Flüchtlingen in Richtung Europa, sondern auch eine direkte Konfrontation zwischen Israel und dem Iran, der die Hisbollah mit modernen Waffensystemen ausrüstet.
Derzeit zeigt sich das Abkommen als das, was es seit jeher war: eine fragile Übereinkunft, die auf dem Papier steht, aber vor Ort täglich gebrochen wird. Ohne einen ernsthaften diplomatischen Druck – insbesondere aus Washington – ist eine Rückkehr zur Deeskalation kaum vorstellbar.
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