
Washington stuft medizinisches Cannabis herab: Historischer Kurswechsel in der Drogenpolitik
Das US-Justizministerium hat am Donnerstag eine der weitreichendsten Änderungen der bundesstaatlichen Drogenpolitik seit Jahrzehnten vollzogen. Der amtierende Generalstaatsanwalt Todd Blanche ordnete an, staatlich lizenziertes medizinisches Cannabis sowie von der Arzneimittelbehörde FDA zugelassene Cannabinoide von der gefährlichsten Kategorie Schedule I in die weniger strenge Schedule III umzustufen. Damit werden diese Substanzen nicht länger mit Heroin oder LSD gleichgesetzt, sondern in eine Reihe mit verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln wie Codein-haltigem Tylenol oder Ketamin gestellt. Aus Washingtoner Sicht ist dies ein Signal, dass die Regierung Trump den medizinischen Nutzen von Cannabis endlich anerkennt – ein Schritt, den Präsident Trump mit einem Dekret vom Dezember eingeleitet hatte und der vor allem die Forschung erleichtern soll, wie Blanche in einer Erklärung betonte. Dennoch bleibt Marihuana auf Bundesebene illegal; die Neuklassifizierung legalisiert es nicht, sondern hebt lediglich die restriktivsten Regeln für medizinische Produkte auf.
In den Bundesstaaten selbst zeigt sich ein gespaltenes Bild. Beobachter aus verschiedenen Gliedstaaten weisen darauf hin, dass die Verhaftungszahlen wegen Marihuanabesitzes weiterhin stark von lokalen Gesetzen abhängen. Während in drei Vierteln der US-Bundesstaaten Cannabis entweder medizinisch oder für den Freizeitgebrauch legal ist, bleiben in konservativen Regionen wie Texas oder Idaho rigide Verbote bestehen. Die Karte, die Newsweek veröffentlichte, belegt, dass die Justiz dort unverändert tausende Festnahmen pro Jahr vornimmt. Die symbolische Geste aus Washington ändert für diese Menschen vorerst nichts.
Aus internationaler Perspektive fällt die Bewertung differenziert aus. In Peking, wo der Cannabiskonsum streng verboten ist, verfolgen Analysten den Schritt mit gemischten Gefühlen: Zwar erleichtert die US-Entscheidung die Erforschung der Droge, doch sie könnte auch als Signal für eine schleichende Legalisierung interpretiert werden, die Pekings Null-Toleranz-Politik untergräbt. Der südchinesische Morgenpost berichtet zurückhaltend, die Maßnahme sei zwar bedeutsam, aber keine Freigabe. Kanadische Beobachter, deren Land Cannabis bereits vollständig legalisiert hat, sehen darin einen weiteren Beleg für die Annäherung der USA an die Verhältnisse nördlich der Grenze. Aus mexikanischer Sicht, wo der Oberste Gerichtshof die Legalisierung vorangetrieben hat, wird die Neubewertung als Druck auf die eigene Regierung gewertet, den chaotischen Markt zu regulieren.
Der wohl wichtigste Aspekt liegt in der Zukunft. Blanche hat für Juni 2026 eine Anhörung der Drogenbekämpfungsbehörde DEA anberaumt, die über eine vollständige Neuklassifizierung von Marihuana entscheiden soll. Sollte dies gelingen, würde Cannabis komplett aus dem Bundesgesetz über kontrollierte Substanzen fallen und könnte ähnlich wie Tabak oder Alkohol reguliert werden. Für die deutsche, österreichische und schweizerische Pharmaindustrie, die zunehmend mit US-Unternehmen bei Cannabinoid-Arzneimitteln kooperiert, wäre dies eine Zäsur: Forschungslizenzen würden einfacher, klinische Studien ließen sich schneller durchführen. Doch der Weg ist politisch steinig. Während Republikaner wie Mike Tyson Trump zu weitergehenden Reformen drängen, warnen Konservative vor einer Verwischung der Grenze zwischen Medizin und Rauschmittel. Der Showdown im Sommer 2026 wird zeigen, ob der moderate Kurs der Regierung Bestand hat oder ob die Drogenpolitik erneut zum Wahlkampfthema wird.
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