
Provisorischer Start des EU-Mercosur-Abkommens – Chancen und Widerstände
Am Freitag ist das lang umkämpfte Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Mercosur-Block provisorisch in Kraft getreten. Es schafft einen Markt mit schätzungsweise 720 Millionen Verbrauchern und einem Bruttoinlandsprodukt von rund 22 Billionen Dollar. Aus Brüsseler Sicht ist dies ein strategisches Signal in einer Zeit wachsender protektionistischer Tendenzen: Die EU hofft, Exporteure in der Automobil-, Pharma- und Weinbranche zu entlasten und zugleich die Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen zu verringern.
Gleichzeitig soll das Abkommen die wirtschaftlichen Verluste abfedern, die durch die von US-Präsident Donald Trump verhängten Zölle entstanden sind – auch wenn Ökonomen betonen, dass die Effekte bescheiden bleiben dürften. In Berlin und Madrid wird der Schritt daher ausdrücklich begrüßt, während Paris weiterhin opponiert: Frankreichs Landwirte fürchten einen Zustrom billigen Rindfleischs und Zuckers, Umweltverbände warnen vor zusätzlicher Regenwaldzerstörung. Die europäische Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nutzte eine Klausel im Abkommen, um das provisorische Inkrafttreten ohne abschließende Zustimmung des Europaparlaments zu ermöglichen.
Die Abgeordneten in Straßburg hatten zuvor eine Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof verlangt, was das Vorhaben auf unbestimmte Zeit hätte blockieren können. Aus südamerikanischer Perspektive überwiegt die Erwartung neuer Exportchancen: In Buenos Aires hat die Regierung per Dekret die Aufteilung der Zollkontingente für Rindfleisch und andere Agrarerzeugnisse geregelt, um den Herstellern Planungssicherheit zu geben. Brasília, Asunción und Montevideo setzen auf sinkende Zölle für ihre landwirtschaftlichen Produkte, wenngleich die Industrieländer im Norden weiterhin hohe Hürden für verarbeitete Waren aufrechterhalten.
Die provisorische Anwendung wird zunächst Zölle auf 90 Prozent der EU-Exporte in die Mercosur-Staaten beseitigen oder deutlich senken. Doch die politischen Widerstände sind nicht ausgeräumt. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz, deren Außenwirtschaft stark von offenen Märkten profitiert, bietet das Abkommen eine gewisse Diversifizierung im transatlantischen Handel – aber es bleibt ein Trostpflaster.
Die eigentliche Bewährungsprobe steht noch aus: Ob der Deal den juristischen und parlamentarischen Hürden in Europa standhält und ob er den Umweltauflagen gerecht wird, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Vorerst ist er ein ambitioniertes Projekt mit ungewisser Zukunft.
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