
Zwischen popkultureller Heiligsprechung und ernüchterndem Erwachen: Blockbuster-Kino als Spiegel der Zeit
Es ist eine filmische Gleichzeitigkeit, die das gegenwärtige Spannungsfeld der Popkultur präzise vermisst: Während Antoine Fuquas Biopic „Michael“ den King of Pop in einer minutiös rekonstruierten Apotheose auf die Leinwand bringt und weltweit die Kinokassen dominiert, entzaubert das lang erwartete Sequel „Der Teufel trägt Prada“ zwanzig Jahre später genau jenen schillernden Kosmos, den es einst so überlebensgroß inszenierte. Was in Hollywood als kalkulierte Blockbuster-Strategie beginnt, entpuppt sich für das Publikum in den deutschsprachigen Kinos als eine Doppelvorstellung über den schmalen Grat zwischen Mythos und Wirklichkeit. Dass Jafaar Jackson als Ebenbild seines Onkels vor allem die Magie des Moonwalk beschwört und die quälenden Missbrauchsvorwürfe durch Vertragsklauseln aus der Erzählung tilgt, ist aus Sicht der Produktionsstudios ein kühler ökonomischer Imperativ, um das gesamte Musikarchiv im Wert von über einer Milliarde Dollar nicht zu gefährden.
Während man sich in Washington mit dem Mantel des künstlerischen Freispruchs begnügt, wird die Debatte an den Rändern lauter. Die in New York erhobene Klage der Brüder Cascio, die dem Star jahrelang als kindliche Vertraute dienten und nun rückblickend von systematischem Missbrauch sprechen, hängt wie ein bleierner Schatten über der filmischen Hagiografie. Aus europäischer Perspektive, insbesondere für das an historische Aufarbeitung gewöhnte deutsche Feuilleton, wirkt diese rein auf Konsens und Kassenrekorde getrimmte Erzählung nicht wie ein Biopic, sondern wie eine fragile, gläserne Vitrine, die den Helden vor jeder menschlichen Ambivalenz schützen soll. „Michael“ wird so zu einem cineastischen Lackmustest dafür, wie lange sich kommerzielles Kalkül noch gegen die moralische Komplexität der Realität abdichten lässt.
Parallel dazu verhandelt das „Teufel trägt Prada“-Sequel die Krise eines ganz anderen Imperiums: der Hochglanzmagazine. Spiegelten die Bilder 2006 noch den unantastbaren Olymp Mirandas wider, in dem Magazine wie Institutionen regierten, zeigt die Fortsetzung eine von Klicks und Budgetnot getriebene Medienwirklichkeit. Aus italienischer, argentinischer und französischer Sicht sind sich die Kritiker einig, dass diese Fortsetzung das nostalgische Wohlfühl-Versprechen bricht. Die von Anne Hathaway gespielte Andy kehrt nicht in ein glamouröses Märchen zurück, sondern in eine Redaktion im Überlebenskampf, die zudem mit zeitgeistigen Fallstricken kämpft: Eine als Karikatur angelegte asiatisch-amerikanische Praktikantin zog in den sozialen Netzwerken sofort wütende Rassismusvorwürfe auf sich, ein Sturm, der zeigt, wie wenig die Filmemacher von heute dem unbedarften Witz von vorgestern vertrauen können.
Der Blick auf Buenos Aires, wo der Film mit einer opulenten Gala im Malba gefeiert wurde, offenbart indes die Sehnsucht nach der puren Oberfläche. Dort inszenierten sich lokale Berühmtheiten in schockierendem Rot vor einem überdimensionalen Stiletto-Schuh und feierten die Mode als grenzenlose Kunst – ein bewusster Eskapismus, der den im Film angelegten Medienverdruss elegant übersieht. Für das Kinopublikum in Zürich, Wien oder München hingegen verdichtet sich der Reiz des Abends wohl eher in der schonungslosen Demontage eines sterbenden Print-Zeitalters, dem Meryl Streep als gealterte Miranda eine bittersüße, fast schon gespenstische Melancholie verleiht. Am Ende dieser Kino-Woche steht die Erkenntnis, dass die großen Mythen der Nullerjahre nicht mehr zu retten sind: Der eine wird zur sakralen Show gereinigt, der andere entblättert sich als abgetakelter Traum, der nur noch von seiner eigenen Unmöglichkeit erzählt.
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