
Triumph des Unantastbaren: Der Jackson-Biopic sprengt alle Kassenrekorde – und entfacht eine neue Debatte
Während der Film „Michael“ in den ersten Tagen weltweit ein Rekordergebnis nach dem anderen pulverisiert und selbst die Marke von 85 Millionen Dollar am Eröffnungswochenende in Nordamerika mühelos überspringt, mehren sich die juristischen und moralischen Begleitgeräusche. Aus Washingtoner Sicht stellt sich das Bild zweigeteilt dar: Da ist das triumphale Produkt einer milliardenschweren Nachlassverwertung, inszeniert von Regisseur Antoine Fuqua und getragen von Michael Jacksons Neffen Jaafar. Und da sind die kaum verklungenen Vorwürfe sexuellen Missbrauchs, die nun durch eine neue Zivilklage der vier Cascio-Geschwister aus New Jersey mit Nachdruck ins öffentliche Bewusstsein zurückgeholt werden. Die Kläger, die nach eigenen Angaben jahrelang manipuliert und missbraucht worden sein wollen, verklagen nicht den längst verstorbenen Sänger, sondern dessen Nachlass und seine Testamentsvollstrecker – und stellen damit das gesamte wirtschaftliche Fundament des Jackson-Universums infrage.
Aus Los Angeles und Gary, Indiana, wo die Premiere gefeiert wurde, dringt unterdessen eine andere Geschichte in die Welt. Lionsgate und die Erben setzen auf eine Heldenreise, die 1988 endet, bevor die ersten öffentlichen Vorwürfe laut wurden. Der Nachlass kontrollierte das Drehbuch, Juristen der Familie erzwangen Nachdrehs – der dritte Akt, der ursprünglich die Jordan-Chandler-Affäre von 1993 beleuchten sollte, fiel dem Schnitt zum Opfer. Beobachter in Moskau, etwa beim Exilmedium Meduza, sprechen von einem „Heiligenleben“, einer filmischen Ikone ohne jede echte Brüche. Aus Indien vermeldet das traditionsreiche Raj-Mandir-Kino in Jaipur unterdessen einen Paradigmenwechsel: Erstmals läuft eine nicht synchronisierte Hollywood-Produktion in dem legendären Saal, was den globalen Hunger nach der Jackson-Mythologie unterstreicht – ein Hunger, der auch an den europäischen Kinokassen spürbar ist und in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen ähnlichen Biopic-Boom befeuern dürfte.
Doch der Erfolg hat einen hohen Preis für den gesellschaftlichen Diskurs. Der Dokumentarfilmer Dan Reed, der mit „Leaving Neverland“ die Missbrauchsvorwürfe ins Zentrum rückte, nannte Jackson nun öffentlich „schlimmer als Jeffrey Epstein“ und spricht von einer kollektiven Weigerung, den Künstler vom Menschen zu trennen. Seine scharfe Kritik wird in europäischen Feuilletons aufmerksam registriert, wo der Streit über den Umgang mit belasteten Werken längst auch Richard Wagner oder bald Peter Handke betrifft. Die faktische Macht des Nachlasses, der mit dem Film die Chart-Platzierungen von „Thriller“ und „Bad“ erneut nach oben treibt, zeigt, wie effizient ein Erbe vermarktet werden kann – und wie schwer es ist, juristisch gegen eine solche Maschinerie anzukommen.
Der Ausblick bleibt paradox. Während bereits ein zweiter Teil des Biopics angekündigt wird und die Streaming-Verwertung im Sommer ansteht, könnten die Verfahren der Cascio-Geschwister das Narrativ vom unantastbaren King of Pop langfristig doch noch verschieben. Aus Sicht der deutschsprachigen Kulturdebatte wird sich zeigen, ob die Faszination für das musikalische Genie auch dann noch trägt, wenn die Gerichtssäle eine andere Sprache sprechen als die Leinwände. Die Rekordzahlen jedenfalls illustrieren vor allem eines: Eine weltweite Fangemeinde ist willens, die Widersprüche auszuhalten – oder sie bewusst auszublenden.
Erweitere deinen Horizont
Washington entzieht brasilianischer Botschafterin das Visum
2 Sprachen · 43 Quellen
Aus Economy & MarketsSpaceX verdoppelt Umsatz, doch Rekordinvestitionen belasten die Aktie
1 Sprache · 31 Quellen
Aus TechnologyFAA zertifiziert Boeing 737 MAX 7 nach fast zehn Jahren
3 Sprachen · 18 Quellen