
Kremls Waffenruhe zum 9. Mai: Ein brüchiges Angebot, das Kiew auf Distanz hält
Der russische Präsident Wladimir Putin hat in einem Telefonat mit seinem amerikanischen Amtskollegen eine Feuerpause rund um den Tag des Sieges am 9. Mai vorgeschlagen und damit unversehens eine Debatte über Taktik und Vertrauen im Ukraine-Krieg ausgelöst. Was Moskau als großzügige Geste präsentiert, entpuppt sich bei näherer Betrachtung vor allem als Absicherung einer massiv verkleinerten Militärparade: Erstmals seit fast zwanzig Jahren wird die Schau auf dem Roten Platz ohne schwere Technik und ohne die Kolonne der Militärakademien stattfinden – offiziell wegen der „operativen Lage“, tatsächlich aber aus Sorge vor ukrainischen Präzisionsschlägen, die die Verwundbarkeit der Hauptstadt offenlegen würden.
Aus Moskauer Sicht ist der Fall klar. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, für die Waffenruhe brauche es keinerlei Zustimmung Kiews; es handle sich um einen souveränen Beschluss des russischen Staatsoberhaupts, der „umgesetzt wird“. Details zu Dauer und Uhrzeit blieb er schuldig, doch die Tonlage ließ keine Zweifel: Die Initiative ist ein unilateraler Akt, der den eigenen Feiertag schützen soll. Während Duma-Abgeordnete bereits die Sorge äußerten, Kiew könnte die Pause verweigern – schließlich habe die Ukraine den 9. Mai als Gedenktag entkernt –, wird im Kreml die Reaktion aus der ukrainischen Hauptstadt demonstrativ heruntergespielt. Gleichzeitig bestätigte Moskau, dass Trump keine Einladung zur Parade erhalten habe, was den transaktionalen Charakter des Vorgangs unterstreicht.
In Washington fiel die Bilanz des Gesprächs ambivalent aus. Präsident Donald Trump sprach von einer „sehr guten“ Unterhaltung, bei der er Putin zu einem Ende des Krieges gedrängt und eine „kleine Waffenruhe“ angeregt habe. Im Oval Office behauptete Trump zudem, die Ukraine sei „militärisch geschlagen“ – eine unbelegte Zuspitzung, die im Weißen Haus verbreitete Vorbehalte nährt, wonach Moskaus Offerte kaum mehr als eine taktische Atempause sei. Amerikanische Vermittler sehen sich nun mit der Frage konfrontiert, ob aus dieser kurzen Feuerpause ein belastbarer Verhandlungsfaden gesponnen werden kann oder ob Washington lediglich als Bühne für Putins Inszenierung dient.
In Kiew reagierte man mit wachem Misstrauen. Präsident Wolodymyr Selenskyj wies sein Team an, über die amerikanische Seite die Details zu klären: Gehe es um „einige Stunden Sicherheit für die Parade in Moskau oder um etwas Größeres“? Die ukrainische Gegenposition ist eine langfristige, verifizierbare Waffenruhe, die tatsächlichen Schutz für die Zivilbevölkerung bietet. Selenskyj nannte das russische Angebot offen einen möglichen „taktischen Betrug“, zumal parallel nächtliche Angriffe auf Dnipro und Odessa weitergingen. Anders als beim kurzen Osterfrieden, den Kiew akzeptiert hatte, ist die Symbolik des 9. Mai – des Sieges über den Nationalsozialismus – aus ukrainischer Sicht längst vom Kreml für imperiale Propaganda vereinnahmt worden; eine Unterbrechung der Kampfhandlungen käme daher einer Legitimierung dieser Narrative gleich.
In europäischen Hauptstädten, von Berlin über Wien bis Bern, wird die Skepsis geteilt. Die Rede König Charles’ III. vor dem amerikanischen Kongress, in der er unerschütterliche Unterstützung für die Ukraine als Vorbedingung dauerhaften Friedens nannte, steht sinnbildlich für die hiesige Überzeugung, dass substanzielle Sicherheitsgarantien jeder befristeten Feuerpause vorausgehen müssen. Eine einseitig verordnete Ruhe, die nur die Verwundbarkeit russischer Paraden abfedert, festigt nach dieser Lesart weder Vertrauen noch bringt sie einen Waffenstillstand näher; sie verschiebt lediglich die nächste Eskalationswelle.
Der Vorstoß vom 9. Mai offenbart somit weniger eine Öffnung für Frieden als die strukturelle Sackgasse. Russland agiert dort, wo es symbolische Kontrolle vorführen will, muss aber gleichzeitig seine Parade zusammenschrumpfen lassen, weil der Krieg die eigenen Arsenale und Sicherheitszonen aufzehrt. Die Ukraine bleibt bei ihrer Forderung nach einem belastbaren und dauerhaften Ende der Gewalt und lässt sich nicht auf Mini-Feuerpausen ein, die dem Gegner lediglich operative Vorteile verschaffen. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz bleibt daraus die Mahnung, diplomatische Bemühungen um eine verifizierbare Friedensordnung nicht durch kurzatmige Gesten untergraben zu lassen und den Druck für einen echten, nicht bloß inszenierten Ausweg aus dem Konflikt aufrechtzuerhalten.
Erweitere deinen Horizont
Washington entzieht brasilianischer Botschafterin das Visum
3 Sprachen · 43 Quellen
Aus Economy & MarketsIndonesische Regierung und Institute uneins über Wachstum im zweiten Quartal
2 Sprachen · 11 Quellen
Aus TechnologyWeißes Haus schließt offene KI-Modelle von Sicherheitstests aus
3 Sprachen · 11 Quellen