
Zwischen Samtpfote und Silizium: Die neuen Orakel der Fußball-WM 2026
Während der Kater Maximus aus Belgien mit gemischten Prognosen debütiert, setzen Wettbegeisterte weltweit zunehmend auf Künstliche Intelligenz – ein Blick auf die kuriosen Traditionen rund um das Turnier.
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026, ausgetragen in den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada, hat nicht nur sportliche, sondern auch divinatorische Wettkämpfe entfacht. Neben traditionellen tierischen Orakeln drängt eine neue Spezies von Propheten ins Rampenlicht: Algorithmen. In den sozialen Netzwerken konkurriert der flauschige Kater Maximus, Haustier des belgischen Premierministers Bart De Wever, mit groß angelegten Sprachmodellen um die Gunst jener, die dem Zufall einen höheren Sinn abringen wollen.
Die Tradition, Tiere als Orakel zu inszenieren, reicht zurück bis zum südafrikanischen Turnier 2010, als der Krake Paul aus dem Sea Life Oberhausen mit unfehlbarer Treffsicherheit sämtliche Partien der deutschen Elf und den spanischen Finalsieg vorhersagte. Seither greifen Zoos und Aquarien weltweit zu immer neuen Arten: In Lateinamerika erlangten Otter Berühmtheit, die 2022 den argentinischen Triumph erahnten, während andernorts Schildkröten oder Elefanten als Künder des Schicksals präsentiert wurden. Der Reiz liegt im scheinbar Unerklärlichen, das die Sehnsucht nach Ordnung im sportlichen Chaos stillt.
Maximus, in Anspielung auf das legendäre Vorbild auch «Maximus the Octopussy» genannt, betrat die Bühne mit einem geteilten Erfolg. Bei seinem Debüt tippte der Stubentiger vom grünen Tuch eines Miniaturspielfelds herab auf Mexiko – ein Volltreffer beim 2:0 gegen Südafrika, der in Mexiko-Stadt für Begeisterung sorgte. Wenig später scheiterte er mit der Prognose eines tschechischen Sieges gegen Südkorea. Aus Brüsseler Sicht ist der Medienrummel um den Vierbeiner willkommene Ablenkung von den Mühen der Tagespolitik.
Doch der eigentliche Paradigmenwechsel vollzieht sich im Digitalen. Aus Paris meldet sich «Le Chat», das französische Pendant zu ChatGPT, und setzt auf den Gastgeber und Titelverteidiger Frankreich. Chinesische Modelle wie DeepSeek und Qwen prophezeien dagegen den vierten argentinischen Stern, während westliche KIs mehrheitlich Spanien favorisieren. Diese Prognosen speisen sich nicht aus Instinkt, sondern aus Datenströmen – und treffen dennoch auf ähnliche Erwartungshaltungen wie einst Pauls Saugnäpfe.
Für das deutschsprachige Publikum bleibt das Orakelwesen eine folkloristische Randerscheinung, die den nüchternen Blick auf Statistiken und Spielanalysen nicht ersetzt. Doch auch in Berlin, Wien oder Zürich wächst die Neugier, ob Algorithmen oder animalische Intuition näher an der Wahrheit liegen. Das Turnier wird zeigen, ob die Zukunft des Wahrsagens in Silizium gegossen ist – oder ob das Herz der Fans doch einem Katzenpranken vertraut.
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