
Merz nach einem Jahr angezählt, schwedische Moderate trotzen Umfragen: Zwei Regierungen im Gegenwind
Friedrich Merz’ Koalition steckt in der Krise, während die schwedischen Moderaten trotz Rückstands auf Wirtschaftswahlkampf setzen.
Ein Jahr nach seinem Amtsantritt steht Friedrich Merz vor einer desolaten Bilanz. Die schwarz-rote Koalition in Deutschland taumelt, die persönlichen Zustimmungswerte des Kanzlers liegen unter denen seines Vorgängers Olaf Scholz in dessen letzten Amtswochen. Aus Berliner Sicht ist die Lage ernst: Schon die Kanzlerwahl im Mai 2025 geriet zur Blamage, erst im zweiten Anlauf erreichte der CDU-Politiker die nötige Mehrheit. Seither verlor die Regierung in Rekordzeit an Popularität. Beobachter in Paris sehen eine Regierung, deren ambitionierter Reformkurs an internationalen Verwerfungen und einer tief gespaltenen Öffentlichkeit zerschellt. Der Zürcher Tages-Anzeiger spricht von einer taumelnden Koalition, die vor allem unter den Fehlern des Kanzlers leidet. Merz, der nach seiner Rückkehr in die Politik als Heilsbringer gefeiert wurde, füllt die Rolle des Regierungschefs nicht aus. Seine Autorität schwindet, und der Vorwurf, er habe sich in innenpolitischen Grabenkämpfen verstrickt, hallt durch die Hauptstadt.
Während in Berlin die Regierungskrise das politische Klima prägt, bereitet sich in Stockholm die konservative Minderheitsregierung unter Ulf Kristersson auf eine Wahl vor, die sie trotz schlechter Umfragen zu gewinnen hofft. Aus Stockholmer Sicht ist die wirtschaftspolitische Kompetenz das schärfste Schwert im Wahlkampf. Die Moderaten setzen auf ein neues Image, wollen vor allem Wählerinnen zurückgewinnen, die das Bündnis mit den rechtspopulistischen Schwedendemokraten abgeschreckt hat. Auf dem Parteitag in Stockholm wurde der Slogan „Ein gerechteres Schweden“ ausgegeben – ein Begriff, der zwischen Strafverfolgung und bürgerlicher Gleichbehandlung schillert. Doch die Realität ist widersprüchlich: Die Koalition liegt in Umfragen sieben bis acht Prozent hinter der rot-grünen Opposition, und die Moderaten selbst sind hinter den Schwedendemokraten zurückgefallen. Dazu kommt eine parlamentarische Krise: Die Schwedendemokraten haben das etablierte Verrechnungssystem (kvittning) im Reichstag außer Kraft gesetzt, indem sie abwesende Abgeordnete kurzerhand zurückriefen. Für Kristersson ist dies ein zusätzliches Risiko, da das System auf gegenseitigem Vertrauen beruht und ohne Lösung die Regierungsarbeit lähmen könnte.
Beide Regierungen, in Berlin und Stockholm, teilen ein Schicksal: Sie kämpfen mit sinkendem Vertrauen, internen Spannungen und der Herausforderung, in unruhigen Zeiten zu regieren. Merz müsste dringend die Koalition einen und die Reformagenda neu justieren, wenn er die Wende schaffen will. In Stockholm setzen die Moderaten auf die These, dass Wirtschaftsthemen am Ende die Wahl entscheiden – und dass Umfragen nicht alles sind. Der Wahlkampf wird zeigen, ob der Optimismus berechtigt ist oder ob die politischen Wilden im Reichstag das System weiter destabilisieren. Für den deutschsprachigen Raum bleibt die Frage, wie viel Stabilität beide Länder in den nächsten Monaten aufbringen.
Erweitere deinen Horizont
Washington entzieht brasilianischer Botschafterin das Visum
3 Sprachen · 43 Quellen
Aus Economy & MarketsÖlkonzerne melden sprudelnde Gewinne im zweiten Quartal – Trump rügt „zu viel Geld“
2 Sprachen · 21 Quellen
Aus TechnologyWeißes Haus schließt offene KI-Modelle von Sicherheitstests aus
3 Sprachen · 11 Quellen